Nicht enden wollende Restitutionen und ein Budgetloch

Sammeln ist eine Leidenschaft. Der eine macht es aus ideellen, der andere aus materiellen Erwägungen. Es ist aber nicht ganz egal, was einer sammelt, Spielzeugeisenbahnen oder kostbare Gemälde. Letzteres tat, wie andere Vermögende auch, Baron Moritz Freiherr von Königswarter (1837-1893), ein in den Adelsstand erhobener jüdischer Bankier. Als 1906 seine umfangreiche Sammlung in Wien und Berlin versteigert wurde, hätte man damit ein ganzes Museum füllen können. Um so einen Schatz anzusammeln, muß man schon ein tüchtiger Geschäftsmann gewesen sein.                                                                                 

Wäre ein Bild aus dieser Sammlung, etwa jenes von Bernardo Belotto, gen. Canaletto („Ansicht des Markusplatzes zu Venedig“)), vor Hitlers Machtübernahme bei einem jüdischen Sammler gelandet und später „arisiert“ worden, wäre bei seinem Auftauchen heute erst einmal eifrig Provenienzforschung betrieben worden. Vermutlich hätten sich Nachfahren gemeldet, Anwälte den großen Braten gerochen und so manchem Museumdirektor oder so manchem Kunsthändler hätte es möglicherweise schlaflose Nächte beschert.                                                                                                                                  

So mußte es wohl Albertina-Direktor Schröder 2011 ergangen sein, als er entdeckte, daß eines seiner Bilder (Jan de Beers „Wurzel Jesse“) aus der berühmten Sammlung Gutmann (Bankhaus Gebrüder Gutmann) stammt. Die Sammlung wurde aber bereits 1947 großteils restituiert. Das „Jesse Wurzel“-Bild durfte in der  Albertina in Wien bleiben.                       Seit der „Washingtoner Erklärung“* und, was Österreich betrifft, besonders seit Kanzler Vranitzkys  Eingeständnis 1991, daß es „noch immer gewaltige Lücken im Bereich der materiellen Wiedergutmachung gibt“, weht nämlich ein neuer Wind in der Frage „arisierter Kunstgegenstände“ und so mancher möchte ob der breiten Berichte glauben, es habe sich nur das vermögende Judentum  für die schönen Künste interessiert oder diese gefördert.                                                                                                                                                                  Auch ein aktueller Fall ließe so etwas vermuten. Seit Bekanntwerden der  Beschlagnahme der Sammlung Hildebrand Gurlitt (dieser nach NS-Leseart „Mischling“), brodelt vorerst einmal die Gerüchteküche. Schon glaubt man „arisierte“ Bilder ausfindig gemacht zu haben, vorerst 25 an der Zahl. Ob ein solches Kunstwerk dann tatsächlich „geraubt“ oder dafür eine Entschädigung geleistet wurde, bleibt nicht selten  ungeklärt, ändert aber nichts am Unrecht das Juden widerfahren ist. Andererseits berechtigte dieses nicht, Deutsche bzw. auch Österreicher immer wieder mit der NS-Keule gefügig halten zu wollen.

Jetzt wurde sogar eine eigene „Taskforce“ für weitere Ermittlungen in Sachen „Raubkunst“ eingerichtet, ist ja auch nötig. soll doch der Jüdische Weltkongreß bereits wieder  Druck ausüben. Dessen Chef, Ronald Lauder, ist ja selbst ein Sammler großer Kunstwerke. Im Zuge einer Restitution konnte er vor Jahren ein Gemälde Gustav Klimts, „Adele“,  um sagenhafte 135 Millionen Dollar erstehen. Über die näheren Umstände der Verkauf- und Kaufabwicklung kann man nur spekulieren, denn kein vernünftiger Sammler zahlt normalerweise einen solch auffällig überhöhten Preis.                                                                                                                                                                                                       Neben Auktionshäusern verdienen auch Anwälte, Genealogen und Gemäldeexperten bei Restitutionen eine goldene Nase, daher spricht man in solchen Fällen bereits vom „Holocaust-Business“. In diesem Zusammenhang wurde einmal die für Recherchen und Vermittlung auch zuständige Israelitische Kultusgemeinde in Wien genannt, letztere wies aber jede Gewinnabsicht vehement von sich.                                                                           Daß aber jüdisches Leid ausgenützt wird, wissen wir spätestens seit Norman Finkelstein („Die Holocaust-Industrie“) und den später bekannt gewordenen Unterschlagungen in Millionenhöhe in einer jüdischen US-amerikanischen Organisation. Somit dürfte wohl nicht immer koscher sein, wo koscher daraufsteht.

Auch  die erstaunliche Preisentwicklung bei einigen Künstlern wirft viele Fragen auf, und in diesem Zusammenhang sorgen die erst Jahrzehnte danach erhobenen Forderungen möglicher Erben mancherorts vielleicht doch auch für Verwunderung. Wahrscheinlich weniger, wenn man dies zur Kenntnis nimmt:  Hatte etwa, um ein Beispiel zu nennen, 1949 ein bedeutendes Bild von Albin Egger-Lienz („Die Fisch- und Wildpretverkäuferin“) im Dorotheum einen Schätzwert von 10.000.- Schilling, so legte ein Käufer für ein ebenbürtiges Bild („Der Sensendengler“) 2003 bereits 72.000.- Euro hin. Astronomisch aber erst recht die Preissteigerungen bei Klimt und Schiele, da geht es bekanntlich schon in die Millionen.                                                                                                                                  

Die Zeit nach dem Kriege war für Händler oder  Sammler wie Rudolf Leopold natürlich eine goldene, konnte man doch einen Schiele um ein Spottgeld erstehen. Aus ähnlichen Gründen ranken sich allerlei Gerüchte um diesen inzwischen verstorbenen Sammler.                  Wenn nun gegenüber den in der Vergangenheit mit „arisierter“ oder „entarteter“ Kunst befaßten Personen oder  auch NS-Dienststellen der moralische Zeigefinger erhoben wird, so ist allerdings anzumerken, daß an den heutigen Gepflogenheiten im Kunsthandel und angrenzenden Bereichen rein gar nichts moralischeres zu erkennen   ist.                                 Nun wandeln sich nicht nur die Bilderpreise, es änderte sich auch die Sammler-bzw. Käuferschicht. Den vermögenden Gutsbesitzern oder Adeligen von ehemals folgten in der Hochkonjunktur Banken- und Versicherungskonzerne, Oligarchen, Milliardäre wie Gates oder Buffet, Spekulanten jedweder Art und Erben großer Vermögen, etwa der Thyssen-Bornemisza-Sammlung.

Ohne Zweifel sollte Unrecht, wenn möglich, wieder gut gemacht, also Besitz rückerstattet werden. Aber dann, bitte, nicht nur da. So mancher einseitig ausgebildete Moralapostel ist deshalb, wie viele überbewertete Bilder heute auch, sein „Geld“ nicht wert. Eher schon als Heuchler, der sich, um ein prominentes Beispiel zu nennen, einen Dreck um enteignetes oder geraubtes  deutsches oder österreichisches Vermögen schert.                                            Nicht zuletzt bleiben, wenn schon Moral ins Spiel gebarcht wird, sowohl auf die Arisierungszeit bezogen als auch auf die Zeit davor und danach weitere Fragen offen. Ob man sie auch stellen soll oder darf,  ist eine andere Frage. Es wäre bestimmt reizvoll zu wissen, und das nicht nur im Fall Gurlitt, wie, auf welche Weise der eine oder andere Kunstgegenstand in die Hände des jeweiligen Sammlers oder Händlers gelangt ist. Immer moralisch einwandfrei?                                                                                                                

Hatte man nicht während der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren gelegentlich  die persönliche Situation eines in Not geratenen Besitzenden ausgenützt, als Anwalt, Arzt oder Bankier? Sind nicht in der Vergangenheit einzelnen Geldverleihern oder Banken auf wenig rücksichtsvolle Weise ganze Liegenschaften mit ihren Kunstschätzen zugefallen?                   Und ist es heute, wenn auch unter anderen Umständen und mit anderen Methoden, so viel anders? Moral hat auf einem Gebiet, wo es, wie in der Politik, um viel Geld, Ansehen und nicht zuletzt auch Macht geht, anscheinend keinen besonderen Stellenwert. Und das eben zu keiner Zeit und bei keinem Volk.

Doch wenden wir uns bei dieser Gelegenheit noch einem nicht unmittelbar damit zusammenhängendem, aber doch dazu passendem Gegenwartsproblem zu, daß den Nachfahren der Opfer des Nationalsozialismus sicher nicht entgangen sein dürfte. Dabei geht es nämlich auch um Milliarden, umhaarsträubend hohe Summen, die „plötzlich“ im österreichischen Budget fehlen sollen. Also woher mit dem Zaster?                                   Außer durch Einsparungen und Steuererhöhungen ließe sich zwar so manch andere Einkommensquelle erschließen, und da fällt mir just diese ein: Ich denke dabei an die vielen rückerstatteten Kunstgegenstände (Zigtausende andere harren noch ihrer Verifizierung), die zum Zeitpunkt der „Arisierung“ oder bei Kriegsende einen Bruchteil dessen Wert hatten, was sie heute am Markt erzielen. Über Jahrzehnte wurden diese von meist öffentlichen Einrichtungen, Privaten oder dem Kunsthandel gut behütet, fachgerecht aufbewahrt und in vielen Fällen auch noch kostspielig restauriert.                                 

Könnten die heutigen Besitzer, also die Nachfahren der damaligen, nicht mit einer Anerkennungsspende das österreichische Staatsbudget etwas entlasten.                                  Ich glaube Kreisky hat einmal gegenüber den Erbberechtigten des Beethoven-Fries´ angelaufene Spesen in Rechnung stellen wollen. Aber dann kaufte die Republik nach einem Vergleich das Bild, und jetzt wollen es Nachfahren der Familie Lederer trotzdem an sich bringen. Ein findiger Anwalt, der bei der Sache nur gewinnen kann, hat sich ja schon „geoutet“.                                                             

Auch wenn es in den betreffenden Fällen insgesamt nur ein paar Millionen der Republik zufließende Spesenvergütungen wären, in der jetzigen Situation müßte doch  jeder Cent willkommen sein. Gewiß, der österreichische Staat, der die großzügige Restitution-Abwicklung ermöglicht, könnte von sich aus eine Art Spesenrechnung stellen, aber das wird er, selbst wenn es rechtlich und moralisch vertretbar ist, wahrscheinlich auch in Zukunft nicht tun. Eher werden die eigenen Staatsbürger bis auf den letzten Cent geschröpft.

*Am 3. Dezember 1998 verabschiedete die internationale Gemeinschaft in Washington die Grundsätze in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden. In dieser Erklärung verpflichteten sich die 44 Unterzeichnerstaaten „gerechte und faire Lösungen“ im Umgang mit geraubten Kunstwerken zu finden.

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Eine Antwort zu Nicht enden wollende Restitutionen und ein Budgetloch

  1. Kunigunde schreibt:

    Vor einigen Jahren gab es in Wien eine Ausstellung über restituierte Objekte. Die Lobbyisten (Sie können sich denken, wen ich meine – leider sind solche Leute auch privat auf mich angesetzt, ich weiß also, von was ich rede…) waren wieder eifrig am Herumschreien. Doch nicht jeder ließ sich täuschen. Ich hörte von Leuten, die das auch gesehen hatten: „Es wird aber so einseitig dargestellt…!“ oder „So etwas gehört doch ins Museum, wo es jeder anschauen kann. Wer lagert so etwas bei sich zu Hause?“ Es war wirklich unglaublich, welcher Prunk und welche Herrlichkeit dort zu sehen waren. Ein „normalsterblicher“ Mensch hatte so etwas überhaupt noch nie gesehen und wusste gar nicht, daß es so etwas überhaupt gab…

    Das Internet unterstützt natürlich das Recherchieren und Ausfindigmachen von „Restitutionsgütern“. Doch es gibt auch positive Beispiele, wo Menschen sich wehren und recht bekommen. In meiner Arbeit gab es erst vor kurzem wieder so einen Fall. Meine Arbeitgeber (ein Verein) haben das Testament, mit dem eine kleine Skulptur dem Verein vererbt worden war, vorgelegt und konnten so ihren rechtmäßigen Besitz trotz einer „Rückforderung“ nachweisen. Ein kleiner Erfolg also.
    Man hört allerdings in den Medien immer wieder auch Fälle, wo US-amerikanische Anwälte Objekte zurückfordern und recht bekommen, obwohl diese völlig legal vererbt worden sind. Ganz schlimm habe ich auch immer gefunden, wenn man dann einige Zeit später hört, daß das mit so viel moralischem Druck zurückgeforderte Objekt kurz (!) danach um teures Geld bei der nächsten Auktion verscherbelt wird. Es geht also nur ums Geld. Das Objekt selbst ist diesen Leuten in vielen Fällen gar nichts wert…

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