„Arabischer Frühling“ läßt auf sich warten

Meine anfängliche Einschätzung über die Entwicklung in Nordafrika wurde durch die jetzigen Ereignisse und, erst kürzlich, von einem Kenner dieser Region, Bernard Lugan*, nachdrücklich bestätigt. Die Folgen besonders auch der westlichen Intervention – sei diese diplomatisch und geheimdienstlich erfolgt wie in Ägypten oder zusätzlich militärisch wie in Libyen –  sind  außer einer, der einer zunehmenden Islamisierung,  noch nicht in vollem Ausmaße abzusehen.

Erst aber etwas ausführlicher über die beinahe in Vergessenheit geratene Lage in Libyen. Der Krieg zwischen den Clans und Stämmen scheint voll im Gange zu sein. Derzeit dominieren fünf Großgruppen, und zwar in Sirte, Misrata, Beni Walid, in den Nefusa-Bergen und Zenten, nicht zuletzt auch in Tripolis.

Zwar haben die Stämme in der Region Sirte sehr unter den NATO-Bombardierungen gelitten, sind aber, wie Bernard Lugan bemerkt, ihrren ursprünglichen Präferenzen treu geblieben und jetzt nach Ende der NATO-Angriffe bereit, den Kampf gegen die Übergangsregierung in Tripolis wieder aufzunehmen.

Die Milizen von Misrata, die Lynchjustiz an Gadaffi begingen und von allen anderen nicht sonderlich geschätzt werden, akzeptiern ihrerseits nur die Autorität ihrer eigenen Anführer. Sie werden selbst von den Islamisten in Tripolis abgelehnt.

Südlich von Misrata, rund um Beni Walid, ist wie zu erwarten eine starke 500.000 Mitglieder starke Fraktion des Stammes der Warfalla dem alten Regime treu geblieben

In der Region Tripolis bekämpfen sich derzeit zwei Berber-Milizen und der islamistische Militärrat von Tripolis. Eine mehr als konfuse Lage.

Nun konnte am 25. November ein bedeutender Zwischenfall registriert werden. Der von Katar unterstützte Chef des Militärrates, Abdelhakim Belhadj, versuchte mit gefälschten Papieren von Tripolis aus in die Türkei zu fliegen. Doch er wurde von der Brigade aus Zenten verhaftet, auf Anordnung der Übergangsregierung aber wieder freigelassen. Fühlte er sich bedroht oder war er, fragt sich Bernard Lugan, in geheimer Mission unterwegs? Es scheint so, daß man mit dessen verhindertem Abflug den Einfluß des Golf-Emirates in Libyen damit einbremsen wollte. Katar lieferte den Islamisten ja Waffen und Geld.

Nicht nur aus Sicht dieses Ereignisses wird es, auch für die Herren Sarkozy und Obama, noch einige Überraschungen geben. So darf von Seite der Berber – die einen Teil der Hauptstadt kontrollieren – einiges erwartet werden, haben diese doch maßgeblich am Kampf gegen Gadaffi teilgenommen, sind aber jetzt nicht einmal in der Regierung vertreten. Sind die Berber also neuerlich mit einem arabisch-islamischen Chauvinismus konfrontiert, der ihre Existenz negiert? Vorerst hat der Rat der Berber deshalb seine Kontakte zur Übergangsregierung eingefroren.

Interessantes, nicht unwesentliches Detail: Saif al-Islam, der sich in ihrer Gewalt befindet, soll jetzt von ihnen angeblich mit Respekt behandelt werden. Behalten sie ihn vielleicht gar als Faustpfand?

Sollte aber ie jetztige Regierung die Berber weiter links liegen lassen, dann könnte für Tripolis, aber auch Misrata, eine gefährliche Allianz von Enttäuschten, einerseits, und Treugebliebenen (unter ihnen auch die Touareg), andererseits, heranwachsen. Jedenfalls werden nicht nur die NATO-Kriegsverbrecher noch eine Menge Überraschungen erleben.

Das  Libyen-Engagement, so Bernard Lugan, war ein Mißerfolg; zwar nicht für die französische Armee, die ihre Professionalität für eine irrwitzige Politik unter Beweis stellen durfte,  die sich noch gegen uns (Franzosen, Anm.) wenden werde.

Für den Mnordafrikanischen Raum sind für  europäische Träumer und Schurken die Aussichten vorerst entsprechend ernüchternd Sieht man von Algerien ab, wo derzeit noch die Militär herrschen, so haben sonst überall die Islamisten Oberwasser. Sehr zur Enttäuschung auch jener kleinen bürgerlichen Elite in diesen Ländern, die sich einen gewissen europäischen Lebensstil angeeignet hat. Interessant ist aber, daß die Mehrheit der in Frankreich lebenden Tunesier jetzt bei den Wahlen islamistisch gewählt hat.

Im Fall Ägypten, wo alles noch drunter und drüber gehen könnte, wird im Westen allzu leicht übersehen, daß diese so genannte Revolution abseits der Mehrheit der Fellachen stattfindet. So würde ein „Retter“ wie ElBaradei wohl nur vorübergehend für Ruhe sorgen können.

Nicht zuletzt werde übersehen, so Bernard Lugan, von welchem Islam man denn rede, wenn von einem gemäßigten in Libyen oder Tunesien gesprochen werde. Gemäßigt, gewiß, nur in welcher Hinsicht? Schließlich existiere der „arabische Frühling“ nur in den Köpfen von Vereinfachern in den Medien. Das gilt wohl auch für Syrien.

www.bernardlugan.blogspot.com

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