„Zukunft Deutsch“ – aus der Sicht eines Querdenkers

„Future allemand“ du point de vue d´un penseur latéral

Future German“ from the perspective of a lateral thinker

„Für ein anderes Deutschland“ hieß vor Jahrzehnten eine Schrift des Mitgründers der Grünen in Deutschland Rolf Stolz, der sich seit einiger Zeit als „dissidentischer Linker“ zwischen den Fronten“ versteht. Als Dissidenten zwischen den Fronten könnte man auch den von rechts kommenden politischen Theoretiker Jürgen Schwab bezeichnen, der, ebenfalls wie Stolz, publizistisch tätig ist und jetzt in einem mir bis dato unbekannten Verlag sein neuestes Buch mit dem Titel „Zukunft Deutsch“ * auf einen für ihn eher begrenzten Markt gebracht hat. So wäre es, zum Beispiel, schon eine Überraschung erschiene in der von ihm wahrscheinlich systemkonform eingeschätzten und daher von ihm sicher kritisch beäugten rechtskonservativen „Jungen Freiheit“ ein Beitrag oder gar ein Buch von ihm, hingegen Rolf Stolz dort als Autor durchaus willkommen zu sein scheint.

Nun wäre es allerdings in der Situation in der sich der von den westlichen Siegermächten geschaffene Staat Bundesrepublik Deutschland (BRD) und mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) von Moskaus Gnaden neu vereinte deutsche Staat heute befindet und auch anlässlich von bevorstehenden Bundestagswahlen interessant, von „rechter “ alternativer Seite etwas zum Thema neue Deutschlandpolitik und zu dem politischen System im Allgemeinen zu vernehmen. Und so scheint in Anlehnung an die Vorstellungen der Nationalrevolutionäre des 20. Jahrhunderts der Theoretiker Jürgen Schwab zu zahlreichen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen die eine oder andere interessante, vor allem für ihn richtige Lösung gefunden zu haben.

Zwar decken sich Schwabs Vorstellungen nationaler Politik in einigen Bereichen durchaus mit jenen von anderen außerparlamentarisch tätigen rechts einzuordnenden politischen Aktivisten und Publizisten, etwa in der Frage des Nationsverständnisses oder der Abstammungsgemeinschaft als Kern des Nationalstaates, doch schon in der Beurteilung der wahren Ursachen der gesellschaftlichen und nationalen Misere als Ausgangspunkt aller Überlegungen ziehen Schwabs messerscharfe Analysen die Richtigkeit der inhaltlichen Zielsetzungen jener anderen Nationalen in politisch-strategischer Hinsicht in Zweifel. So sieht er die seiner Meinung nach nicht weiter und tiefer gehenden Ansätze von einigen rechten Aktivisten eher wie „Wunschzettel an das Christkind“.

Wenn nun der Autor in diesem Zusammenhang es als wichtig erachtet die Begriffe vorerst zu klären (z.B. Volk, Staat, Nation), so scheut er sich dabei nicht politisch und gesellschaftlich Geächtetes, so auch die Rasse, nicht abwertend an- und in seine Überlegungen einzuführen, wobei ihm Beifall auch von ganz rechts sicher sein dürfte. Andererseits wird er von derselben Seite Widerspruch oder gar Misstrauen erwarten können, wenn es ihm darum geht, den Kapitalismus auf der Ebene der Produktions- und Eigentumsverhältnisse zu überwinden. Ein neuer deutscher Nationalstaat könne nicht an die Eigentumsbedingungen der Volksgemeinschaft der 1930er Jahre anknüpfen, denn Produktions- und Geldkapital könne man nicht mehr trennen, so Schwab, der demselben die Invasion der Migranten und damit einhergehend deren Ausbeutung anlastet. Und die, wenn arbeitslos, mit bedingungslosem Grundeinkommen ruhiggestellt werden sollen.

Zankapfel im rechten Lager wohl auch, dass sich der sozialrevolutionäre Nationalist Schwab bei der Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder auf Karl Marx bezieht. Und, in letzter Konsequenz, „seinem“ Sozialismus die Zukunft prophezeit. Eine starke Ansage. Auch die Aussage „den Islam“ gebe es nicht, wird viele Rechte stark irritieren. Hingegen könnte seine Einschätzung, dass dem Klassenkampf von oben, mit einem von unten begegnet werden sollte, Zustimmung von linker Seite durchaus gewiss sein. Aber schon bei seiner Definition von Gleichheit würde diese ihm eine solche Zustimmung nicht mehr so leicht gewähren. Auch wenn bei einigen alternativen Linken in der nationalen Frage schon einiges in Bewegung gekommen ist, wird sich eine Annäherung wohl bei der Frage der Gleichheit spießen. In einem könnten sie sich aber gewiss einig sein: der Kapitalismus ist, wie Schwab meint, nicht mehr reparaturfähig.

Man muß ihm nicht in allem zustimmen, aber eines kann man Schwab nicht aberkennen: Er gehört zu den wenigen „Rechten“, die konsequent zu Ende denken und damit natürlich nicht nur bei politischen Gegnern wenig Sympathien finden. Etwa eben, wenn er dem Rechtspopulismus dessen inhaltliche Schwäche in politisch-strategischer Hinsicht vorhält. Er weiß aber sehr gut, dass in diesem System der Handlungsspielraum selbst für Parteien wie die AfD oder  FPÖ aus verschiedenen Gründen sehr eng ist. Dadurch, dass sich der politische Querdenker selbst als Sozialrevolutionär bezeichnet, wird zumindest erkenntlich worauf, neben dem nationalen Primat, das Schwergewicht seiner Überlegungen beruht. Antikapitalistisch sind diese auf jeden Fall, und das heißt aus seiner Sicht: Überwindung des „warenproduzierenden Systems“.

Dennoch hätte man gerne die eine oder andere Frage die hier ungenügend erörtert wird umfassender beantwortet gehabt, was bei der Komplexität des Themas Deutsch vielleicht zu viel verlangt ist. So etwa: Was genau ist deutsch, was wäre ein identisches Deutschsein? Dennoch, Schwab weiß einen weiten Problem- und Fragebogen zu spannen, der unter anderem ein Plädoyer für ein organisches Gemeinschaftsverständnis ebenso umfasst wie eine grundsätzliche Kritik der liberalen und linken Menschenrechtsideologie. Nicht zuletzt widmet Schwab auch Europa breiten Raum das losgelöst von raumfremden Mächten als Staatenbund auf nationalstaatlicher Basis neu zu ordnen sei, wie er meint.

Grundsätzlich aber geht es dem gewiss unbequemen Querdenker erst einmal um ein anderes Deutschland. Wem immer dies ebenso ein Anliegen sein sollte, der möge sich das Buch besorgen, und sei es auch nur, um bei einem auch für Europa so wichtigen Thema umfassender mitreden zu können. Denn es wird kaum mehr zu leugnen sein: Ohne ein anderes Deutschland wird es auch keine Renaissance Europas geben. Wie aber dieses andere Deutschland dann tatsächlich aussehen und organisiert sein würde, geht derzeit nicht über eine Vision hinaus, was für Europas Zukunft ähnlich gilt. Eine weitere Zukunftsvision könnten andere linke oder rechte Querdenker in eine längst fällige Diskussion einbringen. Jürgen Schwabs Überlegungen könnten sogar ein Anstoß zu einem Lager übergreifenden Gedankenaustausch sein. Ob die Bereitschaft dazu da und dort schon vorhanden ist oder persönliche Befindlichkeiten und ideologische Borniertheit dies weiter verhindern werden?

* Jürgen Schwab: Zukunft Deutsch – Möglichkeiten nationaler Politik im 21. Jahrhundert, Sturmzeichen-Verlag, Dortmund 2021, 283 Seiten, ISBN 978-3-9820324-2-9, Euro 22.-

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4 Antworten zu „Zukunft Deutsch“ – aus der Sicht eines Querdenkers

  1. Uwe Ullrich schreibt:

    Schon bei diesem Satz fangen meine Bauchschmerzen an:
    Nun wäre es allerdings in der Situation in der sich der mit der Demokratischen Republik Deutschland (DDR) neu vereinte deutsche Staat heute befindet und auch anlässlich von bevorstehenden Bundestagswahlen interessant,

  2. Pingback: „Zukunft Deutsch“ – aus der Sicht eines Querdenkers — Helmut Muellers Klartext | Weltbuerger- World Citizen-Ciudadano del mundo

  3. Uwe Ullrich schreibt:

    Von Moskaus Gnaden sicherlich, denn die unterzeichneten den Vertrag erst im März 1991, aber die Franzosen, Engänder und man höre und staune auch die Italiener mischten fleißig bei der Gnade mit, wobei es den Amerikanern so ziemlich egal war!

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