Souveränismus – Neue Politik für die Nation und Europa?

Souverainisme – Nouvelle politique pour la nation et l’Europe?

Souverainism – New politics for the nation and Europe?

 

Die mit unterschiedlichen „Players“ im Hintergrund nicht überraschende Eskalation in den USA nach dem Tod eines Schwarzen oder auch die Corona-Krise sollten unser Augenmerk nicht von dem ablenken, was sich in Europa – außer einer sich abzeichnenden größeren ökonomischen und sozialen Krise –  vor allem auch auf dem politischen Schachbrett verändern könnte. Ein Blick dazu nach Frankreich.

Gemäß einem alten Spontispruch, wäre die Zukunft auch nicht mehr das, was sie einmal war. Soweit damit die Zukunft des vorerst noch herrschenden (Neo-) Liberalismus und des  meinungsbildenden Linksliberalismus im Besonderen sowie die dieser Machtstruktur dienliche Globalisierung gemeint ist, stimmen diesem Befund immer mehr kritische Geister zu. Besonders auch französische. Um das nämliche auch noch mit den Worten Alfred Polgars zu charakterisieren: „Gestern noch eine Sache von übermorgen, heute schon eine von vorgestern“. Kinder, wie doch die Zeit vergeht!, höre ich schon den großen Kritiker heutigen Zeitgenossen zurufen, während der augenscheinliche Hass auf den gesunden Menschenverstand die pädagogischen Missionen der linksliberalen Politruks nach und nach auf Anarcho-Grund laufen lässt.

Doch nirgendwo besser als in Frankreich, wo brillante, auf hohem intellektuellem Niveau geführte Debatten auch mit Andersdenkenden noch möglich sind, keimt Hoffnung auf, nicht mit in den drohenden Bedeutungslosigkeits-Strudel gerissen zu werden. Auch wenn wir es vorerst einmal nur mit Pilotversuchen von rechter und – in für mich nicht überraschender Weise – jetzt auch von linker Seite zu tun haben. So kommen jetzt von dort Botschaften des Zugehörigkeitsgefühls, sei es zu gemeinsamer Kultur und Identität als auch zur Nation. Und damit wird die Erwartung vieler, sich Tonnen gesellschaftspolitischen Unflats entledigen und mehr Meinungsfreiheit erreichen zu können, vorerst einmal gestärkt. Erwartungen, die in den besetzten deutschen Landen derzeit kaum berechtigt sind, womit Frankreich zumindest europapolitisch wohl die Nase vorne behalten wird.

Zwei französische Querdenker https://youtu.be/Nz-xYGDMpB0  (französisch)

Während nun jenseits des Rheins die eine, Marion Marechal, abseits ihrer Tante Marine Le Pen und wohl mit Hintergedanken, einen nicht ganz erfolglosen Brückenschlag zu rechtskonservativen Republikanern versucht, hat sich ein anderer, der „linke Gaullist“  Michel Onfray, mit der Gründung der Revue  Front populaire (Volksfront) etwas Besonderes vorgenommen. In dieser Publikation sollen linke und rechte Autoren, die als Souveränisten gegen die Ideologie von Maastricht (Vertrag über die EU) auftreten, eine gemeinsame Plattform finden. Von dort aus sollen etwa die „wilde „Globalisierung, der Verrat an Europa, die Arroganz der Herrschenden, die Medien-Kartelle und  die wachsende Armut im Lande ins Visier genommen werden. Alles in allem: Denkanstöße für „die Tage danach“. Es könnten die Tage nach der Präsidentenwahl 2022 gemeint sein.

Onfray:  libertärer Querdenker, Nietzscheaner, Vielschreiber, Volksaufklärer und jetzt auch Populist, sieht sich als Souveränist zwar in der Tradition von De Gaulle, kokettiert in sozialen und ökonomischen Fragen aber stark mit Pierre Joseph Proudhon, womit er, könnte man sagen, sich nationalrevolutionären Positionen annähert. Also: klare nationale Positionierung, Schutz von Identität und autochthoner Kultur, aber auch Zähmung des Marktes (der solle u.a. nicht in Kultur, öffentliche Gesundheit und Bildung hineinregieren). Gegen den Liberalismus dieser Tage, aber nicht gegen ein solidarisches und soziales Europa, daher raus aus der EU! Ansätze für ein Parteiprogramm? Onfray schließt ein Antreten seiner Front populaire 2022 nicht ganz aus, lasse doch die allgemeine Lage keine andere Alternative zu. Doch als Spitzenkandidat antreten, möchte er nicht, dem immigrationsfreundlichen  linken Jean-Luc Mélenchon („La France insoumise“) und der rechten Marine Le Pen („Rassemblement National“), der er Inkonsequenz gegenüber der EU vorwirft, Stimmen weg nehmen, das schon.

Einig scheint man sich unter den Souveränisten, dazu auch der linke Jean-Pierre Chevènement und der rechte Philippe de Villiers gezählt werden,  darin, dass eine Zivilisation, die sich nicht schütze, verschwinden werde. Anleihe nimmt der Philosoph Michel Onfray bei der jüdischen, die dauere und sich nicht scheue zu bekennen, jene zu bekämpfen, die ihre Identität bedrohten. Die europäische Zivilisation sei aber in einer entgegengesetzten Lage, sie drohe daher zu verschwinden, mit einem Wort, sie schaffe sich selbst ab. Die Demographie spräche eine klare Sprache, sagt, im Dialog mit Michel Onfray, auch der jüdisch-algerischstämmige Meinungsmacher Eric Zemmour, und meint damit den Geburtenrückgang der „weißen“ Bevölkerung Europas einerseits und den Geburtenüberschuss jener mit vor allem islamischem Migrationshintergrund andererseits. Wegen solcher Äußerungen muss sich der zurzeit von linksliberalen Medien* seiner klaren Worte wegen angefeindete Journalist und Essayist den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen.

Die nächsten Präsidentschaftswahlen in Frankreich (2022)  versprechen also äußerst interessant zu werden. Vielleicht sogar explosiv, vor allem in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Und werden vielleicht wie nie zuvor von größtem europäischem Interesse sein. Wer oder welche Seite von der Initiative Michel Onfrays, aber auch vom Vorstoß Marion Marechals,  am Ende profitieren wird, bleibt vorerst eine spannende Frage. Wenn es nur Europa wäre.

* A propos:

  • Gegenüber der prestigeträchtigen linksliberalen „Le Monde“, die ihn und sein Projekt unschön vorzuführen versuchte, wurde Onfray nun einigermaßen deutlich, gerade was diese Zeitung und deren Vergangenheit – wohl stellvertretend für andere dem Gutmenschentum verpflichtete Publikationen –  betrifft.  So erinnerte er daran, dass deren Gründer, Hubert Beuve-Méry, von der extremen Rechten kam, 1969 aber gegen De Gaulle und dessen Referendum agitierte, also schnell einmal auf den 68er-Zug aufsprang, wie ich annehme. Während die einst rechte Zeitung heute gegen Rechts polemisiert, es kommen mir dabei „Die Presse“ in Wien und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“  dabei in den Sinn, hatte dieselbe „Le Monde“ nichts dagegen, dass ein ehemaliger Nazi, Walter Hallstein, Präsident der Europäischen Kommission wurde, noch hat man die EU als Ganzes dafür an den Pranger gestellt, wie es in linksliberalen Gutmenschen-Kreisen heute gegenüber politischen Gegnern pauschalierend gehandhabt wird.
  • Mit einigermaßen Überraschung werden einige bürgerliche „Fans“ auch die Tatsache zur Kenntnis nehmen müssen, dass „Le Monde“ gemeinsam mit der linken „Liberation“  1977 eine Petition zu Gunsten von drei Pädophilen unterstützt hat, die drei Minderjährige, davon das oder der  jüngste 13 Jahre alt war, missbraucht haben sollen. Pädophilie-Sympathien traten ja bekanntlich auch schon bei den Grünen zutage. Weitere linksliberale Delikatesse: Zu Zeiten der Chinesischen Kulturrevolution mit ihren hunderttausenden oder gar millionenfachen  Opfern wurde diese in „Le Monde“hoch gejubelt, und ja, natürlich mussten später auch noch die verbrecherischen „Rote Khmer“ (1,7 Millionen Opfer) zu „Le Monde“-Ehren kommen.
  • Nicht zuletzt, aber in einem anderen Zusammenhang, erfahren wir dann noch, dass die Kommunistische Partei Frankreichs vor Jahrzehnten noch gegen Abtreibung und Empfängnisverhütung wetterte und, siehe da, auch eine Anti-Immigrationspartei war. All das nennt Onfray das „Undenkbare der Linken“.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Souveränismus – Neue Politik für die Nation und Europa?

  1. Franz Witsch schreibt:

    Danke, lieber Helmut Müller, für diesen informativen Artikel, den ich in einem eigenen Text verlinken und kommentieren möchte: Ich halte das Zusammengehen von Linken und Rechten unter nationaler Flagge allerdings für äußerst fragwürdig.
    Herzlich
    Franz Witsch

  2. Gertraud schreibt:

    Die Franzosen sollten uns in dieser Hinsicht voraus sein, denn die Probleme, die Österreich und Deutschland seit 2015 haben, gibt es in Frankreich (genauso wie in England und den USA) schon seit vielen Jahrzehnten. Die sozialen Mißstände und die extreme Durchmischung mit außereuropäischen Kulturen waren in französischen Großstädten schon vor langer Zeit deutlich zu sehen. Das hatte, wie man weiß, sehr viel mit der aggressiven französischen Kolonialpolitik zu tun. Sogar gleich nach dem 2. Weltkrieg, ab 1945, ging es den Franzosen so gut (während Österreich und Deutschland auf Jahrzehnte darnieder lagen), daß sie – noch immer kriegslüstern – den schrecklichen Krieg gegen Algerien starteten….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s