St.Germain en Laye 1919 – Das Friedensdiktat

St.Germain en Laye 1919 – Le dictat de paix

St.Germain en Laye 1919 – The peace dictat

Am 10. September 1919 wurde in St. Germain en Laye das Friedensdiktat von der Delegation aus Wien und von den Alliierten unterschrieben. Jenes Diktat, das Hitlers Aufstieg ermöglichte und den Nährboden für den Zweiten Weltkrieg aufbereitete und dessen westliche Sieger kraft der von ihnen erfundenen „Alleinschuld“ Deutschlands, dieses seit 1945 politisch am Boden halten und jetzt, noch ohne Weltkrieg, ökonomisch in die Schranken weisen können.  Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Wolfgang Schimank, bringe ich hier nachstehend seinen Beitrag zum Thema Friedensdiktat, der im Debatten-Magazin www.theeuropean.de  veröffentlicht wurde.

 

Der Weg bis zur Unterzeichnung des Vertrages von St. Germain en Laye

von Wolfgang Schimank*

Nachdem 1918 die Staaten der Mittelmächte Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich gegenüber der Entente militärisch kapitu-lieren mussten, wurden von den Siegermächten sich die einzelnen Staaten vor-geknöpft, um ihnen die Friedensbedingungen zu diktieren.

Der Reigen begann mit dem Deutschen Reich. Deutschland musste äußerst harte Bedingungen hinnehmen. Entgegen europäischer Gepflogenheiten wurde dem ehemaligen Kriegsgegner kein Verständigungsfrieden angeboten. Persönliche Rachegelüste der französischen Politiker Raymond Poincaré und Georges Clemenceau sowie finanzielle Begehrlichkeiten der angloamerikanischen Finanzelite (Bezahlung der Interalliierten Kriegsschulden), alles verbrämt mit moralischen Floskeln und einseitigen Schuldzuweisungen, prägten die Verhandlungen zum Versailler Vertrag.

Frankreich war an einer Schrumpfung Deutschlands interessiert, damit es ihm militärisch nicht mehr gefährlich werden konnte. Großbritannien ging es mit der territorialen Verkleinerung vornehmlich darum, einen wirtschaftlichen Konkurrenten empfindlich zu schwächen. Deutschland verlor ein Territorium von ungefähr 75.000 km², was ungefähr der Fläche des heutigen Österreichs entsprach, und durfte nur ein stehendes Heer von 100.000 Mann haben. Dieses Friedensdiktat unterschrieben dann die deutschen Vertreter am 28. Juni 1919 in Versailles.

Es mussten am 27. November 1919 in Neuilly sur Seine die Bulgaren, am 11. Mai 1920 in Sevres die Türken und am 4. Juni 1920 in Trianon die Ungarn ebenso harte Friedensbedingungen akzeptieren. In Wien war die Regierung über den Inhalt des Versailler Vertrages mehr oder weniger informiert. Ihr war bewusst, dass auch an den Deutsch-Österreichern der Kelch nicht vorbeigehen würde. Fraglich war nur, in welchem Ausmaß.

Am 21. Oktober 1918 bildete sich als Reaktion auf die Proklamation des Völkermanifestes durch Kaiser Karl aus den deutschen-österreichischen Abgeordneten des Reichsrates die Provisorische Regierung. Am 11. November 1918 dankte Kaiser Karl I. ab. Da nun eine konstitutionelle Monarchie als Regierungsform nicht mehr möglich war, wurde die Republik Deutsch-Österreich ausgerufen. Nach den Wahlen vom 16. Februar 1919 konstituierte sich der neue Nationalrat, der dann Dr. Karl Renner erneut zum Staatskanzler wählte. Im deutsch-österreichischen Parlament waren einerseits Politiker von Gebieten vertreten, die die anderen Völker der ehemaligen k.u.k. Monarchie nicht wollten und worauf das junge Deutsch-Österreich Gebietsansprüche stellte. Hierzu zählten Südtirol, Sudetendeutschland, Teile von Schlesien, deutsche Sprachinseln in Mähren und das Burgenland, welches einst zur ungarischen Reichshälfte gehörte.

Die tschechoslowakische Regierung intervenierte massiv bei den Alliierten, weil sie die „Zerreißung“ ihres beanspruchten Territoriums verhindern wollte… Im Süden Deutsch-Österreichs stellte das frisch gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen Gebietsansprüche auf Kärnten und die Steiermark. Es ging zuweilen auch militärisch vor, um vor Abschluss des Diktats von St. Germain Tatsachen zu schaffen. Deutsch-Österreich war zu diesem Zeitpunkt ein Staat mit einem undefinierten Staatsgebiet.

Am 2. Mai 1919 erhielt die deutsch-österreichische Regierung vom „Obersten Rat der Entente“ eine Vorladung. Sie solle sich unverzüglich nach St. Germain en Laye, einem Vorort von Paris, begeben. Am 14. Mai 1919 fand sich die nach zähen Diskussionen zusammengestellte Delegation dort ein. Sie wurde in der Villa Reinach und in zwei naheliegende Gebäude einquartiert. Ihre Unterkunft wurde hermetisch abgeriegelt. Die Deutsch-Österreicher durften, wenn sie ins Freie wollten, sich lediglich auf dem Hof aufhalten. Ansonsten herrschte eine absolute Nachrichtensperre. Selbst die Kommunikation nach Wien funktionierte nur stockend. Während die Delegationsmitglieder der Völker der ehemaligen k.u.k. Monarchie, außer die Ungarn, mit den Alliierten und den Medien auf verschiedenste Weise in Kontakt treten durften, war es der deutsch-österreichischen Delegation untersagt.

Wie sich später herausstellte, wurden die Deutsch-Österreicher viel zu früh eingeladen. Die Alliierten waren sich über einige Details der Friedensbedingungen noch nicht einig. Für die Delegation hatte es die mentale Auswirkung, als sei es eine absichtliche Taktik der Demoralisierung der Unterlegenen. Und so vergingen quälende Wochen des Abwartens, bis am 2. Juni 1919 um 12:15 Uhr mittags der französische Kriegsminister und Ministerpräsident Georges Clemenceau als Vorsitzender der Friedenskonferenz der deutsch-österreichischen Delegation den noch unfertigen Entwurf des Friedensdiktats übergab. Es fehlten noch Aussagen zu den Themen Finanzen, Armee und Reparationen und über den Status von Welsch- und Südtirol.

Die Delegation unter Staatskanzler Renner lehnte den ersten Entwurf ab, mit der Begründung, dass nicht die Republik Deutsch-Österreich für den Krieg zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Sie sei wie die anderen neu entstandenen Staaten aus Österreich-Ungarn hervorgegangen. Die Alliierten und Clemenceau ließen dieses Argument nicht gelten. Zudem wurde den Deutsch-Österreichern eine direkte Teilnahme an der Friedenskonferenz untersagt. Ihnen wurde lediglich die Möglichkeit eines schriftlichen Gedankenaustauschs mit Clemenceau gestattet. Als Staatskanzler Renner den noch unfertigen Entwurf des Friedensvertrages las, war er zutiefst entsetzt. Erschüttert schrieb er an die in Wien verbliebenen Regierungsmitglieder und Parlamentarier:

“Der Friedensvertrag vollendet die Verstümmelung, welche die militärische Besetzung deutschen Landes durch die Nationalstaaten begonnen hat. Nahezu alle Länder, selbst Niederösterreich, werden verstümmelt. Das letztere, indem künftige Wasserstraßen an der March ihm einfach weggenommen wird. Alle Bahnlinien, alle Straßen, Flußläufe werden verstümmelt. Fast nirgends ist die Paßhöhe die Grenze, sondern überall eine Linie unter den Paßhöhen. Wo eine blühende Stadt reinen deutschen Charakters sich dem fremden Sprachgebiet nähert, wird sie einfach annektiert, so Klagenfurt, Marburg [an der Drau] und Feldsberg. Die Westmächte haben, durch die sechs Monate, einseitig durch unsere beutegierigen Nachbarn beraten, diesen einfach ein weißes Papier hingelegt. Die älteren völkerrechtlichen Grundsätze, so daß ein Grenzfluß jedem Nachbarn bis zur Mitte gehört, daß eine Stadt nicht von ihren Gemüsegärten und ein Bauer nicht von seinem Flurstück getrennt werden dürfte, sind unbeachtet geblieben. Straßen, die nur einen Sinn haben, wenn sie einheitlich verwaltet werden, sind zerrissen.

Nun sind die Engländer und Amerikaner praktische Leute und würden sich meines Erachtens nie dazu entschlossen haben, solche Unsinnigkeiten zu unterschreiben, wenn sie eben Zeit und Gelegenheit genommen hätten, uns zu hören. Ich glaube nicht, daß sie eine sadistische Zerstörung aller Verkehrsadern und damit eines lebendigen Wirtschaftskörpers billigen werden, wenn sie erfahren, was da in ihrem Namen gesündigt wird.

Es wird so rasch wie möglich den Führern der Entente klar gemacht werden, daß sie, wenn sie Deutsch-Österreich zur Fertigung dieses Friedensvertrages zwingen, ihren Triumph gefährden, indem sie eine Leiche auf ihren Triumphwagen laden.”

Der Schriftverkehr mit den Mächten der Entente hatte wenig bewirkt. Der tschechische Außenminister Edvard Beneš, der nach dem Zweiten Weltkrieg einmal eine unrühmliche Rolle spielen sollte, beschwor die Alliierten, an die deutsch-österreichische Delegation keine Zugeständnisse zu machen. Die endgültige Fassung des Vertrages von Saint Germain-en-Laye lag am 2. September 1919 vor. Das Ergebnis war niederschmetternd:

Das österreichische Schlesien, das Sudetendeutschland, die deutschen Sprachinseln in Mähren wurden der Tschechoslowakei zugeschlagen. Damit wurden mehr als 3 Millionen Deutschen die Inanspruchnahme des Selbstbestimmungsrechts verweigert. Welsch- und Südtirol gingen an Italien. Die Zerreißung Tirols war und ist schmerzhaft, besonders aber der Verlust von Südtirol. Denn Südtirol war seit mehr als 1000 Jahren kulturell mit dem nördlichen deutschen Sprachraum verbunden. Aus dieser Gegend kam auch der berühmte Minnesänger Walther von der Vogelweide.

Deutsch-Österreich wurde neben Ungarn als einziger Staat, der aus Österreich-Ungarn hervorgegangen war, zu Reparationen herangezogen. Es durfte eine Berufsarmee von 30.000 Mann halten, wobei auch ihre Ausrüstung von den Alliierten vorgeschrieben wurde. Obwohl in Deutsch-Österreich eine Hungersnot herrschte, wurde es genötigt, an Italien, an das Reich der Serben, Kroaten und Slowenen und an Rumänien ungefähr 19.000 Stück Vieh zu liefern. Die Fischfangflotte, die Handels- und Kriegsschiffe sowie alle Flugzeuge gingen in das Eigentum der Alliierten über. Sämtliches staatliches Eigentum im Ausland galt als verfallen.

Für die Deutsch-Österreicher gab es 3 Gründe, warum sie zu fast 100% dafür waren, sich Deutschland anzuschließen:

  1. Seit mehr als 1000 Jahren gab es mit dem nördlichen deutschen Sprachraum bei aller Verschiedenheit eine kulturelle Bande.
  2. Weil die Landesteile des jetzigen Deutsch-Österreich im ehemaligen Österreich-Ungarn die Bodenschätze vor allem aus Böhmen und Obst, Gemüse und Getreide aus Mähren und aus der ungarischen Tiefebene bezogen und diese Landesteile nun verloren hatten, sahen die Menschen den jungen Staat nicht als wirtschaftlich überlebensfähig an.
  3. Die meisten deutschen Sprachinseln waren nur über Deutschland erreichbar.

Für die Sozialdemokraten gab es noch einen weiteren Grund. Hierzu möchte ich das „Historische Lexikon Bayerns“ bemühen. Dort ist zu lesen: „Ihr Ziel war die Bildung einer Einheitsfront mit den deutschen Sozialdemokraten, wie es in einem Wahlaufruf vom 4. Februar 1919 hieß: „Wir wollen uns mit dem roten Deutschland vereinen. Vereinigung mit Deutschland bedeutet jetzt Vereinigung mit dem Sozialismus.““

Die Durchsetzung des Willens der Deutsch-Österreicher, sich dem Deutschen Reich anzuschließen, wurde durch Artikel 88 des sogenannten Friedensvertrages vereitelt. Sie durften ihren Staat auch nicht „Deutsch-Österreich“ nennen. Die deutschfeindliche Handschrift Clemenceaus zog sich durch den ganzen Vertragstext. Der einzige Lichtblick im Vertrag war, dass das Burgenland Österreich zugeschlagen wurde. In den südlichen Gebieten Kärntens und der Steiermark durften Volksabstimmungen über den Verbleib bei Österreich oder den Abgang an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen abgehalten werden. Aus einem Riesenreich mit ungefähr 50 Millionen Menschen wurde ein kleiner Rumpfstaat mit 6,5 Millionen Bewohnern, wobei um die 2 Millionen in Wien lebten. Die Fläche schrumpfte von einst 340.000 km² auf nur 84.000 km².

Die Alliierten widersprachen mit diesen Friedensbedingungen ihren eigenen Prinzipien, für die sie angeblich in den Krieg eingetreten waren.

Am 6. September 1919 tagte in Wien ein letztes Mal das Parlament in der Zusammensetzung, in der es nicht mehr zusammentreten wird, mit den Abgeordneten der Ländereien, die laut den Vertrag von St. Germain anderen Staaten zugeschlagen wurden. Es wurde über diesen Vertrag, an dem es kein Vorbei gab, heftig diskutiert und abgestimmt. Letztendlich wurde unter Protest zugestimmt, wobei das Land Tirol wegen der nun feststehenden Zerreißung seines Landes sich der Stimme enthielt. Ein letztes Mal durften die Abgeordneten der verloren gegangenen deutschsprachigen Gebiete vor dem Parlament eine Rede halten. Es waren sehr emotionale Momente, gepaart mit dem Gefühl einer unendlichen Trauer und der Ohnmacht. Am bekanntesten waren die Reden von Rudolf Ritter Lodgman von Auen, Abgeordneter von Mähren und Österreichisch-Schlesien, und von Eduard Reut-Nicolussi, Abgeordneter von Südtirol. Hier ein Auszug der Rede von Reut-Nicolussi:

„Jedes Pathos ist heute zwecklos. Es ist unmöglich, jene Gefühle zu schildern, welche einen Mann beseelen, der in den Reihen der Tiroler Jäger [Tiroler Kaiserjäger] gegen Italien gekämpft und sein Blut vergossen hat und nunmehr mit seinen Brüdern in die Knechtschaft wandert.

Gegenüber diesem Vertrage haben wir mit jeder Fiber unseres Herzens, in Zorn und Schmerz nur ein Nein! Ein ewiges und unwiderrufliches Nein!“ „Es wird jetzt in Südtirol ein Verzweiflungskampf beginnen um jeden Bauernhof, um jedes Stadthaus, um jeden Weingarten. Es wird ein Kampf sein mit allen Waffen des Geistes und mit allen Mitteln der Politik. Es wird ein Verzweiflungskampf deshalb, weil wir – eine Viertelmillion Deutscher – gegen vierzig Millionen Italiener stehen, wahrhaft ein ungleicher Kampf. Sowohl aus den Worten des Staatskanzlers Dr. Renner als auch aus denjenigen des Präsidenten Hauser hat das Versprechen geklungen, daß Sie die Solidarität der Sprache, der Kultur und der Geschichte, die Deutsch-Südtirol bisher mit den Deutschen Österreichs verbunden hat, wahren wollen, und daß Sie nicht auf uns vergessen werden. („Nie! Nie!“ von allen Seiten des Hauses.) Wir nehmen Sie bei Worte! (Stürmischer Beifall und Rufe: „Wir werden unser Wort halten!“) Wenn wir jetzt in die finstere Zukunft hineingehen, so soll das unser einziger Trost sein, daß wir Landsleute und Volksgenossen besitzen, die uns in der Stunde der Not nicht vergessen, die uns in diesem entsetzlichen Ringen ihre Hilfe leihen werden. Ich erinnere daran, daß Jakob Grimm vor 71 Jahren in der Frankfurter Nationalversammlung als 1. Artikel der Deutschen Verfassung die Worte vorgeschlagen hat: Alle Deutschen sind frei und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Und selbst der Fremde und Unfreie, der ihn betritt, ist frei.“

Eduard Reut-Nicolussi sollte mit seinen düsteren Prophezeiungen Recht behalten. Am 10. Oktober 1920 gliederte Italien unter Missachtung „historischer Grenzen“, wie im 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson gefordert wurde, Südtirol unter dem Namen „Alto Adige“ ein. Mindestens seit dem Bozner Blutsonntag am 24. April 1921, aber spätestens seit Ettore Tolomei einen Maßnahmekatalog zur Italianisierung Südtirols im Bozner Stadttheater im Juli 1923 vorstellte, begann eine Unterdrückung und Bevölkerungsumschichtung, die seinesgleichen sucht. 1928 wurde das Buch „Tirol unterm Beil“, welches Reut-Nicolussi verfasste, veröffentlicht. Zwei Jahre später wurde es ins Englische übersetzt. Das Buch beschreibt die Entnationalisierungspolitik der italienischen Faschisten. Sein Werk löste in der Welt großes Aufsehen und Entsetzen aus. Allerdings wurde in Italien diese Politik unbeirrt fortgesetzt, bis Ende der 1960-er Jahre…

Am 10. September 1919 wurde in St. Germain en Laye das Friedensdiktat von der Delegation aus Wien und von den Alliierten unterschrieben. Am 16. Juli 1920 erfolgte in Paris die Ratifizierung des Vertrages. Die Vertreter der USA verweigerte die Ratifizierung. Sie schlossen mit Österreich am 24. August 1921 einen separaten Vertrag ab (StF: BGBl. Nr. 643/1921). Auf die Beweggründe der Nichtratifizierung des Vertrages von St. Germain durch die USA möchte ich näher eingehen: In den Mainstreammedien und in der meisten Literatur wird diese Verweigerung damit begründet, dass die Vertreter der USA die Art und Weise, wie mit den Verlierern des Ersten Weltkrieges umgegangen wurde, missbilligten. Das mag zum Teil stimmen.

Meine These ist, dass die USA den Vertrag deshalb nicht ratifiziert hatten, weil einerseits große Vertragstextteile Bezug nehmen auf die Kontrolle der Einhaltung des Friedensdiktates durch den Völkerbund und andererseits die USA auf keinen Fall in den Völkerbund eintreten wollten. Die Sowjetunion war übrigens auch nicht Mitglied des Völkerbundes. Die USA wurden sich anscheinend immer bewusster, dass sie die Rolle als Weltmacht von Großbritannien übernommen hatten und sich deshalb von niemanden etwas vorschreiben lassen wollte.

Der Vertrag von St. Germain und das Heimatrecht (pertinenza)

Da Österreich-Ungarn ein Vielvölkerstaat war, ergab sich automatisch nach dem Zerfall des riesigen Reiches das Problem der Staatsbürgerschaft. Der Vertrag von St. Germain ging darauf ein in den Artikeln 70 bis 82. Alle Personen, die auf dem Gebiet des ehemaligen Österreich-Ungarn gewohnt hatten, erhielten das Recht, die Staatsbürgerschaft von dem jeweiligen Staat anzunehmen, der sich an dieser Stelle herausgebildet hatte. Die entscheidungsberechtigte Person muss über 18 Jahre alt sein. Bei der Ehe / Familie war der Ehemann / der Familienvater mit seiner Entscheidung ausschlaggebend, welche Staatsbürgerschaft die Ehefrau / die Kinder bekamen. Artikel 78 gab die Möglichkeit, sich innerhalb eines Jahres für eine andere Staatsbürgerschaft zu entscheiden.

Der Vertrag von St. Germain und das Anschlussverbot

Artikel 88 verbietet sinngemäß den Anschluss Österreichs an Deutschland oder an anderen Staaten. Auch wenn die Verfasser in diesem Artikel bei der Formulierung sehr allgemein blieben und den Anschluss nicht wörtlich nannten, hatten sie wohl die Vereinigung beider deutscher Staaten im Hinterkopf. Nur mit Zustimmung des Rates des Völkerbundes wäre diese möglich. Vielmehr wurde dort die Unabänderlichkeit der Unabhängigkeit Österreichs betont.

In der damaligen politischen und wirtschaftlichen Konstellation in Europa schränkte dieser Artikel des Friedensdiktats die Handlungsfähigkeit Österreichs in einer gewissen Weise ein. Österreich kam in den 1920-er Jahren wirtschaftlich gesehen auf keinen grünen Zweig. Es gab in dieser Zeit viele internationale humanitäre Hilfsaktionen für Österreich und auch Kinderverschickungen. Der ständige Argwohn der Nachbarstaaten trieb Österreich Ende der 1920-er Jahre in die Hände des faschistischen Italiens. Mussolini gewährte Österreich großzügige Kredite und hielt möglicherweise so dieses Land am Leben.

Am 6. Februar 1930 unterschrieben die politischen Vertreter Österreichs und Italiens einen Freundschafts-, Vergleichs- und Schiedsgerichtsvertrag. Hier wurde durch Wien erstmals eine schwerwiegende Abwägung getroffen zuungunsten des Selbstbestimmungsrechts der Südtiroler. Italien wurde gewissermaßen zur „diplomatischen Schutzmacht“ Österreichs, wie es Erika Kustatscher in ihrem Buch „“Berufsstand“ oder „Stand“?: Ein politischer Schlüsselbegriff im Österreich der Zwischenkriegszeit“ nannte.

Als es 1930 / 1931 mit Deutschland Verhandlungen für eine Deutsch-österreichische Zollunion gab, scheiterte das Projekt am erbitterten Widerstand Frankreichs, Italiens und der Tschechoslowakei. Diese Staaten befürchteten eine Vorbereitung zum Anschluss an Deutschland und eine Zunahme der ökonomischen Vormachtstellung der Deutschen in Europa. Österreich fielen auch die „Genfer Protokolle“ vom 4. Oktober 1922 auf die Füße. Der Hintergrund: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutsch-Österreich eine Hyperinflation. Um der Inflation der Krone und eine damit verbundene Verarmung breiter Bevölkerungsteile entgegenzutreten, sollte eine Währungsumstellung erfolgen. Hierzu sollte die Krone abgeschafft und der Schilling eingeführt werden. Da das wirtschaftlich schwache Österreich dieses Vorhaben finanziell allein nicht stemmen konnte, bekam es vom Völkerbund eine Anleihe in Höhe von 650 Millionen Goldkronen. Dafür musste Österreich seine immerwährende Unabhängigkeit zusichern. Das Kuriose ist, dass nicht über Artikel 88 des Vertrages von St. Germain die geplante Deutsch-österreichische Zollunion erfolgreich verhindert wurde, sondern über die „Genfer Protokolle“…

Der Vertrag von St. Germain und die Reparationsverpflichtungen

Im Vertrag von St. Germain wurde Österreich zur Zahlung von Reparationen verpflichtet. Dort sind aber keine konkreten Zahlen genannt. Eine Reparationskommission sollte diese so schnell wie möglich festlegen. Da das staatliche Eigentum Österreich-Ungarns an die einzelnen neu gebildeten Staaten fiel, gab es im „Rest“, den, um den bekannten Spruch Clemenceaus zu verwenden, keiner haben wollte, wenig Konkursmasse. 1921 sollte die Ratenzahlung beginnen und 1951 enden. Da sich Österreich jahrelang in einem desaströsen wirtschaftlichen Zustand befand, wurden die Zahlungsverpflichtungen Jahr um Jahr verschoben. 1929 hatte die Reparationskommission selbst die Stundungsversuche aufgegeben. Thomas Olechowski, ein österreichischer Rechtshistoriker, wies in einer Vorlesung an der Universität in Innsbruck auf eine in der Öffentlichkeit wenig bekannte Tatsache hin: Österreich hatte keine einzige Krone bzw. keinen einzigen Schilling als Reparation bezahlt!

War Österreich-Ungarn ein Völkergefängnis?

Die Tatsache, dass in Österreich-Ungarn zwölf Nationen lebten, wurde von den Entente-Mächten im Ersten Weltkrieg dazu genutzt, diesem vor der ganzen Welt als „Vielvölkergefängnis“ zu geißeln. Die Ausrufung des Selbstbestimmungsrechts der Völker im Januar 1918 durch US-Präsident Woodrow Wilson war ein Mittel, um in erster Linie Österreich-Ungarn zu destabilisieren. Beim Deutschen Kaiserreich konnte diese Botschaft wenig Wirkung entfalten, da seine Staatsbürger zu mehr als 90% Deutsche waren.

Ich möchte anhand von zwei Beispielen beweisen, dass in Österreich-Ungarn mit den Menschen unterschiedlicher Nationen relativ liberal umgegangen wurde:

Beispiel 1:

Österreich-Ungarn bestand aus zwei Reichshälften, aus der deutschen (Cisleithanien) und aus der ungarischen (Transleithanien). In beiden Reichshälften galten unterschiedliche Rechtssysteme. Während in Transleithanien die Menschen vor Gericht und in staatlichen Behörden nur ungarisch reden und schreiben mussten, war es in Cisleithanien anders: Nach Artikel 19 des „Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger“ waren alle Sprachen gleichberechtigt. Deshalb durfte ein Welschtiroler bis in die letzte Instanz in Wien seine Muttersprache benutzen. (In Welschtirol lebte eine vorwiegend italienisch sprechende Bevölkerung.) Der österreichische Rechtshistoriker Professor Olechowski teilte mir mit, dass es diesbezüglich immer wieder Versuche gab, die Gerichtsverfahren auf Deutsch zu führen…

Nun möchte ich einen Sprung in die Gegenwart machen und meinen Fokus auf das von Italien einverleibte Südtirol richten: Die Südtiroler dürfen beim Landes- und beim Oberlandesgericht, welche sich in Südtirol befinden, deutsch reden und schreiben. Findet der Gerichtsprozess in einer Region außerhalb von Südtirol oder gar in Rom statt, so wird der Prozess auf Italienisch abgehalten. In Südtirol wird das Gebot der Zweisprachigkeit in vielfacher Weise hintertrieben, sei es bei Formularen von Versicherungspolicen, bei Beipackzetteln von Medikamenten, im Gesundheitswesen, ohne dass der italienische Staat eingreift. Wie zu erkennen ist, war Österreich-Ungarn zumindest in der deutschen Reichshälfte im Vergleich zu vielen anderen Staaten zu dieser Zeit liberal zu seinen Völkern.

Beispiel 2:

Die Provinz Bukowina gehörte zur deutschen Reichshälfte (Cisleithanien). Dort lebten viele Juden friedlich mit Deutschen, Ukrainern (damals unter dem Sammelbegriff „Ruthener“ genannt) und Rumänen zusammen. In Tschernowitz, der Hauptstadt der damaligen Provinz Bukowina, befindet sich der größte jüdische Friedhof Mittel- und Osteuropas. Für mich ist das ein Indiz, dass Kaiser Franz Joseph I. eine liberale Nationalpolitik betrieb.

Der Vertrag von St. Germain besiegelte das Auseinanderbrechen von Österreich-Ungarn. Damit verschwand eine der fünf Großmächte Europas von der Bildfläche. Das Pikante an der Geschichte ist, dass an Stelle von Österreich-Ungarn mehrere Vielvölkerstaaten entstanden, in denen es den nationalen Minderheiten in unterschiedlichem Maße schlecht ging. Hierzu zählen Italien, Jugoslawien, Rumänien, die Tschechoslowakei und Polen. In Italien litten besonders die Südtiroler, in Rumänien die Juden, Ungaren und Ukrainer, in der Tschechoslowakei die Ungaren und Ukrainer und in Polen die Juden, Ukrainer und Weißrussen. Beim Völkerbund gingen diesbezüglich bittere Klagen ein.

Da der Völkerbund von Frankreich, Großbritannien und Italien dominiert wurde, kann sich jeder ausrechnen, dass von dort entweder keine Reaktion oder nur dürre unverbindliche Aussagen kamen. Insofern wäre die heutige Wissenschaft gefordert, Licht in die Geschichte bezüglich der nationalen Minderheiten in Europa in der Zeit zwischen 1919 und 1939 zu bringen… Die Verträge von Versailles, St. Germain und Trianon haben zwar einige Völker in die Unabhängigkeit geführt. Sie haben aber mehr Leid, Ungerechtigkeit und Unfrieden angerichtet, als vor dem Ersten Weltkrieg bestanden hat. Der Zweite Weltkrieg war zwar nicht eine zwingende Folge, die Lunte hierzu wurde aber allemal gelegt.

Der Zweck der Installation dieser Staaten war, dass sie Vasallenstaaten der Entente-Mächte waren. Wie die Geschichte später zeigte, konnte Frankreich insbesondere Rumänien, die Tschechoslowakei und Polen erfolgreich für seine geostrategischen Zwecke gegen Deutschland instrumentalisieren. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Deutschland wechselseitig von Frankreich und von Polen militärisch bedroht. Die Verhinderung einer Deutsch-Österreichischen Zollunion ist ein weiteres Beispiel. Die Zerstörung Österreich-Ungarns und die Eindämmung des deutschen Machtbereichs war auch ganz im Sinne der britischen Geopolitik und Geostrategie, der Heartland-Theorie von Halford Mackinder, und des britischen Finanzadels.

Hierzu fällt mir eine Episode ein, die die Sache auf den Punkt bringt: Im Sommer 2018 unternahm ich eine Urlaubsreise nach Cornwall. Ich besuchte auch London. Bei der Stadtrundfahrt ging es unter anderem durch das Finanzviertel, welche in der City of London liegt. Es ist das älteste Stadtteil Londons und grenzt nördlich an der Themse. Südlich führen Brücken über die Themse. Die City of London besitzt noch heute administrative Sonderrechte und einen eigenen Bürgermeister. Die Eingänge zur City sind mit kleinen silbern-roten gusseisernen Drachenstatuen versehen, die nach draußen schauen. Der Drachen ist das Wappentier der City of London, nicht explizit das des Finanzviertels. Nach den Worten des Reiseführers sollen die Drachen unter anderem das Finanzviertel vor bösen Geistern von draußen beschützen. Er fände es gut, die Drachen umzudrehen, um die Welt vor den bösen Geistern der Finanzelite zu schützen. Wie Recht er hat!

*Wolfgang Schimank wurde in Potsdam geboren. Er studierte in der Lutherstadt Eisleben „Industrielle Elektronik“ und arbeitet seitdem als Elektronik-Ingenieur derzeit an der Freien Universität Berlin.

https://www.theeuropean.de/wolfgang-schimank/der-vertrag-von-saint-germain-en-laye/

 

 

 

 

 

 

 

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4 Antworten zu St.Germain en Laye 1919 – Das Friedensdiktat

  1. Elbenfrau schreibt:

    Danke für den Beitrag. Von St. Germain und wie die Dinge wirklich waren,
    erfuhr ich in der Schule wenig,höchstens von der Schuld der Deutschen. Zeit, von den Drahtziehern zu reden. Für den Herbst sind anlässlich
    des WK 2 Beginns 1939 im TV wieder die „berühmten“ Zeitgeschichts- Filme
    geplant. Man darf auf einiges gefasst sein…….
    Die Erniedrigung der Deutschen begann mit Versailles/ St. Germain, nahm
    bis heute kein Ende. Wenigstenshatten die Deutschen/Ö um das Jahr 1919 noch ein gesundes Empfinden dafür, auch dafür, dass die sog. „Friedens“-Diktate
    nur Bestrafung waren. Bestrafung wofür? (Zu dieser Zeit gab es noch
    keine Nazis!!!!!!!) Was hörte man in der Parlamentstagung
    anlässl. St. Germain: „Zu diesem Vertrag ein „NEIN“, ein ewiges „NEIN“.
    Und was ist heute in punkto EU- Verträge, etc….?
    Leider gibt es den Menschenschlag von einst nicht mehr! Es ging immer
    gegen den deutschen Menschenschlag. Es gibt wohl kaum ein Volk in der jüngeren Geschichte, das so betrogen, ausgeplündert, entrechtet, mit Schande bedeckt, in den Boden
    gestampft wurde/wird wie die Deutschen. In einem Kommentar zu lesen: wir
    hätten seit 1789 ein diabolisches Zeitalter.
    Was müssen die Deutschen für ein wunderbares Volk (gewesen) sein, dass
    es gerade im dunklen Zeitalter so mit Hass verfolgt wird.
    „Friedensdiktat“: Gewalt, Unterdrückung, Ausplünderung, Spaltung,
    Vereinzelung, wehrunfähig machen, (seelische) Verstümmelung-
    die Art „Frieden“ zu erzeugen seit ca. 100 Jahren. Die neuen
    „Friedens“-Methoden, auch zivil, bis in die kleinen Gemeinschaften.

  2. Gertraud schreibt:

    Habe mich vor Jahren mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt und zu meiner großen Verwunderung festgestellt: Die sogenannten „neutralen“ Länder wie Schweiz, Belgien, Holland und ganz Skandinavien waren (genauso wie im 2. Weltkrieg!!) den ganzen Krieg hindurch nie neutral! Die Schweiz, Belgien und Norwegen arbeiteten militärisch eng mit den Alliierten zusammen. Die anderen Länder betrieben eine extreme antideutsche Propaganda!! Nur deshalb konnten die Alliierten Deutschland und Österreich besiegen!!

    Überhaupt war die Kriegspropaganda sehr auffällig. Es gab – so wie im 2. Weltkrieg – Karikaturisten in Frankreich und Belgien, die ein Bild von Deutschen zeichneten, das sie als geisteskranke Sadisten zeichnete! Es wurde behauptet, daß die Deutschen Leichenkammern hätten, wo sie ermordete „Feinde“ noch weiter mißhandeln würden. Es wurde behauptet, daß die Deutschen in diesen Hallen Leichen zu Seife verarbeiten würden!! Dazu gab es die entsprechenden Zeichnungen!
    Diese Propaganda wurde als solche erkannt und daher von der Weltöffentlichkeit nicht ernst genommen!

    Gegen Kriegsende arbeiteten die Alliierten vehement daran, die deutschen Kriegsverlierer in einem Schauprozeß (!) als „Kriegsverbrecher“ der Öffentlichkeit hinzustellen! Ein internationaler Aufschrei in vielen Medien war die Folge. Jeder durchschaute die betrügerische und verleumderische Absicht der Alliierten. Deshalb kam es nicht zu diesem Prozeß!
    Doch nur 20 Jahre später brach der 2. Krieg aus mit denselben Akteuren, auch die Propaganda wiederholte sich. Diesmal wurde der Krieg mit noch größerer Härte und noch intensiverer Propaganda geführt. Kein Wunder, daß nach zwei solchen Kriegen in so kurzer Zeit die öffentliche Meinung nachgegeben hat. Auch den schon vorher beabsichtigten Schauprozeß konnten die Alliierten nun für die Öffentlichkeit führen.

  3. Gertraud schreibt:

    Der 1. Weltkrieg endete eigentlich erst 1919, denn die Hungerblockade gegen Deutschland und Österreich wurde absichtlich bis zur Unterzeichnung des Vertrages aufrechterhalten, um sie dadurch zur Unterschrift zu zwingen! Während der Verhandlungen starben also weiterhin massenweise Menschen an Hunger in Österreich und Deutschland!

    Was ich auch über den 1. Weltkrieg gehört habe: Der Grund, warum Deutschland den Krieg verloren hat, dürfte ganz einfach der gewesen sein, weil die Deutschen keine Kredite aufgenommen, sondern ihre eigenen Goldreserven als Sicherheiten verwendet haben!
    Die Alliierten nahmen fleißig Kredite auf, und die Gläubiger setzten dann alles daran, ihren Schuldnern zu helfen, den Krieg zu gewinnen.

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