Liberalismus – wo alles einen Preis hat

Liberalisme – où tout a un prix

Liberalism – where everything has a price.

 

Die traditionelle Unterscheidung zwischen politischem Liberalismus, Wirtschaftsliberalismus und philosophischem Liberalismus hat die Dinge verdunkelt und nicht geklärt, meint Alain de Benoist*. Und ist dieser Liberalismus insgesamt, besonders in weiten Bereichen des Gesellschaftspolitischen und Ökonomischen, inzwischen nicht schon zu einer Gefahr geworden? Ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb weht der  gegenaufklärerische Wind in einigen Weltgegenden immer stärker, aber schon sammeln sich auch die Freunde der Freiheit. Yann Vallerie von http://www.Breizh-Info.com führte ein Gespräch mit dem französischen Publizisten und Philosophen über das nicht selten mißverstandene Thema Liberalismus, das ich hier mit freundlicher Genehmigung von Les amis de Alain de Benoist  (http://alaindebenoist.com) meinen Blog-Besuchern zur Kenntnis bringen möchte:

 „Der Liberalismus ist jeder Form von Souveränität feindlich gesinnt.“

Breizh-info: Sie veröffentlichen ein neues Buch mit dem Titel „Gegen den Liberalismus – Die Gesellschaft ist kein Markt“. Warum ist es wichtig, von vornherein festzustellen, dass es sich um eine Kritik an der liberalen Ideologie handelt, der Sie sich widmen, und nicht um ein Plädoyer für die Bürokratie oder um einen Angriff auf die Freiheit des Unternehmerischen , des Zirkulierens, des Handelns, Denkens, den freien Willen?

Alain de Benoist: Ich denke, es wird denen, die mich kennen, schwer fallen, sich mich als Gegner des freien Willens oder als Verteidiger der Bürokratie vorzustellen! Wenn ich mir die Mühe gemacht habe, am Anfang meines Buches zu erklären, dass wir zuerst die theoretischen Grundlagen der liberalen Ideologie angreifen müssen, dann vor allem, weil sie nicht einem einzigen Autor zugeordnet werden können. Der Marxismus ist vollständig aus Marx‘ Denken entstanden, aber der Liberalismus hat mehrere „Gründerväter“, was bedeutet, dass er seit zwei Jahrhunderten auf manchmal sehr unterschiedliche Weise präsentiert wird. Die traditionelle Unterscheidung zwischen politischem Liberalismus, Wirtschaftsliberalismus und philosophischem Liberalismus hat die Dinge verdunkelt und nicht geklärt.

Ich denke, wie John Milbank, dass der Liberalismus in erster Linie ein „anthropologischer Fehler“ ist, mit anderen Worten, dass sein Menschenbild falsch ist. Doch es ist diese Anthropologie, die allen Formen des Liberalismus zugrunde liegt: die Idee eines Menschen, der nicht natürlich sozial und politisch ist, sondern ständig danach strebt, sein privates Interesse zu maximieren, wobei der wirtschaftliche Bereich derjenige ist, in dem er seine Freiheit am besten genießen kann. Der liberale Mensch ist der Homo oeconomicus, ein autarkes Wesen, Eigentümer von sich selbst, von Natur aus gleichgültig gegenüber jeder Vorstellung von Gemeinwohl. Dies hat mich veranlasst, die beiden grundlegenden Komponenten der liberalen Anthropologie zu identifizieren: Individualismus und Ökonomismus.

Breizh-info: Sie sagen, dass der Liberalismus die Ideologie der herrschenden Klasse ist. Die Verteidigung der liberalen Ideologie wäre Ihrer Meinung nach also vergleichbar mit einem bürgerlichen Konservatismus?

Alain de Benoist: Die dominante Ideologie ist immer die der herrschenden Klasse. Heute ist die herrschende Klasse keineswegs auf die konservative Bourgeoisie reduziert. Es ist eine transnationale Klasse, die perfekt auf den deterritorialisierten Kapitalismus abgestimmt ist, der sowohl „effizient“ als auch „fortschrittlich“ sein will. Sie arbeitet daran, den Planeten in einen riesigen Markt zu verwandeln, hält sich aber gleichzeitig an die Ideologie der Menschenrechte und die Ideologie des Fortschritts. Diese Klasse hat sich allmählich von den Menschen abgesondert, mit all den Folgen, die wir kennen. Die Bourgeoisie, die sowohl konservativ als auch liberal sein will, hält an einer unhaltbaren Position fest. Tatsächlich kann sie sich als liberal nur auf Kosten ihres Konservatismus und sich als konservativ nur  auf Kosten ihres Liberalismus behaupten.

Ich nenne in meinem Buch einige Beispiele für diese Inkonsistenz. Wie können wir behaupten, die Einwanderung unter Wahrung des liberalen Grundsatzes des freien Personen-, Kapital- und Warenverkehrs zu regeln? Wie können wir den Konsum von Betäubungsmitteln verbieten, ohne gegen die liberale Idee zu verstoßen, dass jedem völlig frei gelassen werden sollte, das zu tun, was er mit sich selbst machen will? Wie können wir die Identitäten der Völker und Kulturen verteidigen, wenn wir sie, wie die Liberalen, als bloße Aggregate einzelner Atome betrachten? Wie können wir die „traditionellen Werte“ bewahren, die die Unbegrenztheit des kapitalistischen Systems überall zur Unterdrückung anwendet?

Breizh-info: Wie ist der Liberalismus mit der partizipativen Demokratie unvereinbar, wenn er sich perfekt mit der repräsentativen Demokratie verbindet?

Alain de Benoist: Aus liberaler Sicht hat die repräsentative Demokratie den Vorteil, dass sie die Volkssouveränität durch parlamentarische Souveränität ersetzt. Wie Rousseau deutlich gesehen hat, ist das Volk in diesem System erst am Wahltag souverän; am nächsten Tag sind es die von ihm gewählten Vertreter, die entscheiden können. Das Problem heute ist, dass die repräsentative Demokratie nichts mehr repräsentiert. Daher das allgemeine Misstrauen gegenüber einem oligarchischen System, das von der Erwartungshaltung der Bevölkerung völlig abgeschnitten ist.

Aber man täusche sich nicht: Der Liberalismus, der sich für die Unterwerfung der Politik unter  unpersönliche Kräfte des Marktes  einsetzt, ist in der Tat jeder Form von Souveränität feindlich gesinnt. Genauer gesagt, die einzige Souveränität, die er anerkennt, ist die des Einzelnen. Nationen und Völker gibt es nicht als solche. Wie der sehr liberale Bertrand Lemennicier schreibt, ist die Nation nur ein „Konzept ohne Gegenstück in der Realität“. Jede kollektive Identität ist deshalb ein Produkt der  Fantasie. Methodologischer Individualismus, der jeder Form von Holismus feindlich gesinnt ist, ist dann der einzige Weg, eine Gesellschaft zu analysieren, die, wie  Margaret Thatcher ganz ernsthaft  gesagt hat, „nicht existiert“.

Soweit die partizipative Demokratie die Rückgabe der Macht an das  Volk ermöglicht und damit der Freiheit der Alten  ähnelt, die,  im Gegensatz zu den Modernen, darin bestand, den Bürgern die Möglichkeit zu geben, aktiv am öffentlichen Leben teilzunehmen (und nicht das Interesse daran zu verlieren, um Zuflucht in der Privatsphäre zu suchen), kann sie nur auf den Widerstand der Liberalen stoßen.

Breizh-info: Der  Aktualität entsprechend, würden Sie  sagen, dass heute Emmanuel Macron die perfekte Figur der liberalen Ideologie ist? Aus welchen Gründen?

Alain de Benoist: Sagen wir, er ist eine der sinnbildlichen Figuren. Wir wissen, dass es die Finanzkreise waren, die Macron an die Macht gebracht haben, und dass er nach seiner Wahl schnell eine Regierung gebildet hat, deren Hauptmerkmal es ist, rechte und linke Liberale zu verbinden. Dies zumindest zeigt, dass, wie Jean-Claude Michéa es sagte und wiederholte, „rechter“ Wirtschaftsliberalismus und „linker“ Gesellschaftsliberalismus letztlich nur zwei Formen sind, die von derselben Ideologie abgeleitet sind – und dass sie sich perfekt ergänzen. Aber es ermöglichte auch zu verstehen, dass die rechts-links-Gefälle verschwinden und durch andere,  sicherlich grundlegendere, nämlich: liberale und antiliberale, ersetzt werden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, bis zur Entstehung des Sozialismus, waren die Konservativen die Hauptgegner der Liberalen. Man wird darauf zurückkommen.

Breizh-info: Welche Gegenmittel, welche Alternativen existieren oder müssten noch erfunden werden, damit unsere Gesellschaften diesen Liberalismus überwinden können?

Alain de Benoist: Es gibt offensichtlich kein Wunderrezept. Es gibt jedoch eine allgemeine Situation, die sich immer schneller entwickelt und die jetzt die Grenzen des gegenwärtigen Systems deutlich sichtbar macht, sei es das politische System der liberalen Demokratie oder das Wirtschaftssystem einer Kapitalform konfrontiert mit  der immensen Gefahr einer allgemeinen Wertminderung. Die Zukunft liegt im Lokalen, in kleinen Zusammenschlüssen, in der Wiedergeburt humaner Gemeinschaften, in der direkten Demokratie, im Verzicht auf ausschließlich kommerzielle Werte. Das Gegenmittel wird gefunden worden sein, wenn die Bürger entdeckt haben werden, dass sie nicht nur Verbraucher sind, und dass das Leben viel schöner sein kann, wenn sie eine Welt zurückweisen, in der nichts mehr einen Wert, aber alles einen Preis hat.

*Seit mehr als dreißig Jahren verfolgt Alain de Benoist methodisch eine Arbeit der Analyse und Reflexion im Bereich der Ideen. Schriftsteller, Journalist, Essayist, Dozent, Philosoph, hat er mehr als 50 Bücher und mehr als 3000 Artikel veröffentlicht, die in fünfzehn verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Seine Lieblingsgebiete sind politische Philosophie und Ideengeschichte, aber er ist auch Autor vieler Werke über Archäologie, Volkstraditionen, Religionsgeschichte und Biowissenschaften.

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10 Antworten zu Liberalismus – wo alles einen Preis hat

  1. Heinrich Stauffacher schreibt:

    In der Hoffnung, nicht als überheblich zu erscheinen, bin ich der Überzeugung, das vermeintliche „Wunderrezept“ zwar nicht als solches gefunden, sondern schlicht und einfach das ‚Ur-Gesetz‘ entdeckt zu haben, nach dem alle Welten und die ganze Natur entstanden sind (und hervorragend funktionieren, wenn der Mensch nicht zerstörerisch drein pfuscht). Es enthält die simplen Regeln des Naturgesetzes und die Regulative des geniale Schöpfungs-Prinzips, d.h., die banale Tatsache, dass die ganze Schöpfung lediglich auf Ur-Materie und den beiden Ur-Kräften Anziehungs- und Abstossungs-Kraft basiert – und dass das Ur-Gesetz das absolute Rechts-Monopol ‚besitzt‘ ….!
    Anstatt punktuell als „Gelb-Westen“ oder als Klima-Demonstranten gegen einzelne Polit-Vergehen zu protestieren, sollten alle Kräfte gebündelt und ein genereller Paradigmenwechsel in der Daseins- & Gesellschafts-Kultur eingefordert werden. Indem parteiische Politiker grundsätzlich die „Problem-Verursacher par Excellence“ sind – niemals aber ernstzunehmende Problem-Löser – müssen die Zivilgesellschaften die Dinge selber an die Hand nehmen. Mein Rezept heisst: „Mit Weisheit … gegen Politik …“, und mein gesamtes Philosophisches Werk ist kostenlos im Internet zugänglich (es soll der Aufklärung aller Menschen dienen) – es ist unter http://www.demokratie-schule.com einzusehen und insbesondere allen Politikern und den globalen „Verbreitern Politischer Torheiten“ zum tieferen Studium empfohlen … (Schnell-Einstieg unter: „Ω Das Ultimative Gebot“) Grüezi

    • Corinna schreibt:

      Mit Weisheit gegen Politik. Wo nehmen wir die vielen Weisen her?

      • Heinrich Stauffacher schreibt:

        Alle, die sich „Naturgesetzlich Verhalten und Handeln“ sind Weise (also sämtliche Geschöpfe auf der Erde), die höchst erbärmliche Ausnahme bildet nur der „Homo politicus parasitii“ (Gemeiner Politiker)! Die Zivilgesellschaft sollte sich schämen, dass es den gibt!
        Haben Sie, liebe Corinna, denn die „Original-Demokratie Schule“, die „Daseins- & Lebens-Grundschule par Excellence“, noch nicht absolviert (kostenlos im Internet zu besuchen)?!

  2. Usackstedt schreibt:

    Viele beschäftigen sich mit den Ursachen der Miseren, unter denen die Welt seit einigen Jahrhunderten leidet.
    Dabei scheinen mir die Ereignisse seit Adam Weishaupt, der Installation der Illuminaten und ihr Zusammengehen mit den älteren Freimaurern die entscheidende Entwicklung von der Freiheit zur Unterdrückung gewesen zu sein.
    Neoliberale Kaufleute setzen sich an die Stelle der alten Feudalherren (die wenigstens noch den Nationalstaat erhielten) und wollen die Welt zu einem Kaufladen erklären. Die krankhafte Manie, dauerend Geld zu verdienen und dieses Geld durch Betrug an den Völkern auch noch durch Manipulation (Zins) zu vermehren, ist die Wurzel allen Übels.
    Bevor die Psychopathen von der Macht nicht entfernt sind, wird es keine Änderungen geben und – ganz wichtig, die Völker müssen sich selbst einen Riegel davorschieben, daß nach deren Beseitigung nicht neue Psychopathen des Geldes herangezogen werden. Das geschieht am besten, indem das herrschende Geldsystem beendet wird.
    Schauen Sie sich die Vorträge und Schriften von Prof. Franz Hörmann an und lesen Sie, was bereits vor 100 Jahren Silvio Gesell in seinem Buch „Die natürliche Wirtschaftsordnung“ dazu sagte. Auch Helmut Creutz‘ „Das Geldsyndrom“ ist empfehlenswert.
    Alles politische Geschwätz und alle Diskussion über Marx u.a. nützt nichts, wenn wir das nicht ändern. Kommmunismus, Islamismus, Terrorisimus, Mafia, etc. sind alles nur Mittel, auf ungerechte Art – durch Krieg, Schuldvorwürfe, Angstmacherei, Tabuisierungen, Ökofanatismus, Sprachvorschriften, politische „Korrektheit“ und anderen Unsinn reich zu werden.

    • Heinrich Stauffacher schreibt:

      Absolut richtig! Lesen Sie dazu auch, was ich im vorherigen Beitrag schon empfohlen habe („Das ultimative Gebot“ ff.)! Es ist aus der ‚Sicht‘ des „Schöpfungs-Prinzip- & Naturgesetzgebers“ („weltlich für sämtliche ‚Gottheiten“) abgeleitet, bzw., für „Human-soziale Gemeinschaften“ nachentwickelt: „Das Ur-Gesetz Modell unter Rechts-Monopol“.

  3. Klaus schreibt:

    Dr. Friedrich Romig, Wien, nennt den Liberalismus zu Recht die Immunschwäche Europas.

  4. HT schreibt:

    Danke, ein sehr gutes Interview, denn gerade in Deutschland fehlt das Verständnis dafür, daß wir es nicht mehr mit dem Links-Rechts-Muster zu tun haben.

  5. Karlo schreibt:

    Der Liberalismus hat auch sein Gutes: Der Pastor kann jetzt seinen Messdiener auch kirchlich heiraten und der General seinen Gefreiten ebenso..Jetzt sind endlich alle gleich, in der neuen klassenlosen Gesellschaft. Gleich belämmert auch.

    • Gertraud schreibt:

      Männer müssen jetzt jüngere Männer nicht mehr adoptieren (!), wie das in Österreich und sicher auch in anderen Ländern seit vielen Jahrzehnten praktiziert wurde… 😍🤣

  6. Iris schreibt:

    „Die Zukunft liegt im Lokalen, in kleinen Zusammenschlüssen, in der Wiedergeburt humaner Gemeinschaften, in der direkten Demokratie, im Verzicht auf ausschließlich kommerzielle Werte.“
    GENAU!

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