Kampf um das Selbstbestimmungsrecht auch in Kurdistan

 

Lutte pour  l´autodétermination au Kurdistan

Fight for self-determination in Kurdistan

 

Ein erfolgreiches Referendum macht es möglich: Zusätzliches Säbelrasseln im Mittleren Osten, aber im Visier sind plötzlich die tapferen Kurden. Vor allem der Irak, der Iran und  die Türkei sind angesichts der aktuellen  kurdischen Selbstbestimmungsinitiativen in Kurdistan alarmiert. Ich habe den ausgewiesenen Experten für diese Region und Buchautor  Prof. i. R., Dr. Herbert Fritz, auf das explosive Problem angesprochen.

 

Unruhe im Nahen Osten, und wieder einmal spitzt sich auch die Kurden-Frage zu. Als Kenner der Region, besonders des Kurden-Problems, wie sehen Sie die Lage   in Kurdistan nach dem Referendum?

Nun, insgesamt war ja  mit dem Überfall der Amerikaner das Jahr 2003 für die arabische Welt eine Katastrophe. Nur die Kurden waren Nutznießer, sowohl im Irak als auch in Syrien. Das Referendum das jetzt stattgefunden hat, wird natürlich außer von den Irakern und von den Türken, auch von den Amerikanern und den Iranern abgelehnt. Masoud Barzani, der kurdische Präsident, hatte  ja schon einige Male ein Referendum angekündigt, das letzte Mal zu Jahresbeginn 2016. Ich habe den Eindruck, er ließ einen Luftballon  steigen, um die Stimmung zu testen bzw. wie die anderen Staaten reagieren würden. Also derart, dass die anderen sich langsam daran gewöhnen, dass sich da eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt. De facto ist Kurdistan ja schon unabhängig, es müsste nur noch de jure so weit kommen, wobei das erdölreiche Kirkuk ein arges Hindernis darstellt, da es einerseits die ökonomische Unabhängigkeit Kurdistans garantieren würde und andererseits die Gegner gerade  dies als eine Bedrohung ansehen.

Auf wen können sich die Kurden in diesem Fall verlassen?

Interessanterweise sind es die Israelis, die gesagt haben, sie würden einen Kurdenstaat anerkennen. Verständlich, denn dadurch wäre ein Teil aus der arabischen Welt herausgebrochen und diese geschwächt. Die Amerikaner dagegen sind in der Zwickmühle, schließlich sind die Kurden die verlässlichsten Kämpfer in der Region, sie haben  in Wirklichkeit den Islamischen Staat besiegt.

Könnten sich die Kurden auf die Amerikaner denn wirklich verlassen?

Überhaupt nicht, das ist das Problem. Ich war 1974 während des Aufstandes  das erste Mal im irakischen Teil. Doch die Amerikaner, von denen sich die Kurden Hilfe erhofft hatten, haben sie 1975 eiskalt fallen gelassen. Als ich 1983 wieder unten war, da sagte mir Barzani, den ich 1974 kennengelernt hatte, da war er Geheimdienstchef, sein Vater habe ihm am Totenbett noch gesagt, sein größter Fehler sei es gewesen, den Amerikanern vertraut zu haben. Er weiß daher sehr wohl, was er von den Amerikanern zu halten hat. 2003, nach dem Einmarsch der Amerikaner, als die Kurden etwas mehr Freiheit bekommen hatten,  fragte ich ihn, ob das damals Gesagte noch gelte, da meinte er, schauen Sie die Interessenlage hat sich geändert und nun sitzen wir im selben Boot.

Und wie sieht die  Lage unter den Kurden selbst aus, wer ist da der starke Mann, Masoud Barzani oder Jalal Talabani?

Eindeutig  Barzani, auch deshalb, da Talabani heute sehr krank und nicht handlungsfähig ist. Allerdings ist dessen Stellvertreter, den ich auch kennengelernt habe, ein sehr mutiger Mann. Angeblich hat er die Vorbereitungen für die Festnahme von Saddam Hussein getroffen, nur die Amerikaner mussten natürlich den Erfolg für sich buchen. Heute sind die beiden, die Barzani Kurden, also die DPK/KDP, und die PUK, die Patriotische Union Kurdistans, miteinander eng verbunden. Nun gibt es aber inzwischen eine Abspaltung von der PUK  die inzwischen schon stärker ist als die Mutterpartei und die zweitstärkste Kraft im Parlament ist.-Dieselbe war allerdings was das Referendum betrifft  skeptisch, da es ihrer Meinung nach dazu größerer Vorbereitungen bedurft hätte.

Die Kurden selbst nennen sich ein arisches Volk, mißfällt dies nicht jenen Linken, die vorgeben, für die Sache der Kurden zu sein?

Vor Jahrzenten hatte mich ein Kurde, der in Graz studiert hatte, dorthin für einen Vortrag vor linken Studenten  eingeladen. Selbstverständlich habe ich zugesagt. Nach dem Vortrag fragte ich  ihn, ob sie, die Kurden   jetzt Linke seien: Seine Antwort:„Keineswegs, wir wollten, zum Beispiel, bei unseren kommunistischen Freunden in ein Papier hineingeschrieben haben, dass wir Arier sind. Das haben die natürlich nicht hineingeschrieben.“ Trotzdem versuchen hierzulande Anarcho-Linke sich bei den Kurden  anzubiedern. So genieren sie sich nicht, bei einem Fest der Kurden mit „No nations, no borders“-Transparenten aufzutreten, obwohl die kurdische Nation  genau das Gegenteil anstrebt.

Welche Rolle spielt eigentlich die Ideologie bei den Kurden?

Es hat einmal ein gescheiter Mensch, ich glaube es war der Günther Deschner. gemeint, die Demokratische Partei von Barzani sei so etwas wie eine Wagon-Partei. Man ginge durch, von einer Ideologie zur anderen. An und für sich ist es eine bürgerliche Partei, sie sind aber, glaube ich, bei der Sozialistischen Internationale dabei, weil die am meisten für sie getan hat. Talabani hat sich von Anfang an eher links positioniert, ohne ein echter Linker zu sein. Bleibt die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) des Abdullah Öcalan, die man als linke Partei bezeichnen kann. obwohl auch hier Links etwas anderes bedeutet als bei uns. Im Grunde sind es nationale Parteien:

Wie kann man Assad in der Kurdenfrage einschätzen?

Assad hat sich hervorragend geschlagen, keine Frage. Wird der Druck von Seite der Kurden jetzt größer, wird er ihnen möglicherweise  die Autonomie zugestehen. Haben doch die Öcalan-Kurden von einem eigenen nationalen Staat wohl taktischer Weise Abstand genommen und erklärt, sie wollten ihre Autonomie innerhalb des jeweiligen Staates. Damit könnte Assad leben und vielleicht sogar die Türkei. Aber wer gibt schon gerne Rechte ab.

Dann wäre da noch der Iran.

Der Iran  ist in diesem Zusammenhang ein Sonderfall. Die iranischen Kurden stehen Abdullah Öczalan nahe. Einige Gruppen kämpfen bei den irakischen Pershmerga mit, wobei die Iraner gar nicht so viel dagegen einzuwenden haben. Die Mullahs hatten auch nichts dagegen, dass sich die Führung der  Demokratischen Partei des Iranischen Kurdistans  (KGPI)  im irakischen Teil Kurdistans angesiedelt hat. Nur zurückkommen soll sie nicht. Jetzt aber  befürchtet der Iran, das Referendum-Ergebnis könnte Auswirkungen auf  seine  Kurden haben. Gegenüber den Irakern werden sich die Kurden auf jeden Fall leichter tun.

Alles in allem kann man sagen, die kurdische Frage ist noch lange nicht gelöst.

Selbstverständlich. Ich zitiere dazu Günther Lerch, ein ausgezeichneter Kenner der Nahost-Szene: „Das Kurdenproblem ist neben dem Palästinenser-Problem, der beständigste Unruheherd in der Region“. Und namhafte andere Experten sind der Ansicht, das Kurdenproblem werde in diesem Jahrhundert die erste Stelle in der Region einnehmen. Die Kurdenfrage sei ebenso komplex und folgenschwer wie die palästinensische, es bedürfte geradezu einer umstürzlerischen Neuordnung der gesamten Region, ihrer staatlichen und politischen Ordnung, an der niemand interessiert ist. Der Sykes—Picot-Vertrag  ist ja übrigens wieder im Gespräch.  Barzani sagt, Sykes-Picot sei eigentlich tot, der Irak praktisch nicht mehr existent. Was für Deutschösterreicher und Reichsdeutsche Versailles und St-Germain war, war im Nahen Osten Sevres und Sykes-Picot*.

Stichwort Palästina, Sie haben es schon erwähnt, wie wird es da weitergehen?

Die  Hamas und die PLO haben sich gerade zusammengefunden, genötigt oder nicht, aber ich bin der Meinung, die einzige Chance für Israel wäre es, jetzt großzügig zu sein, den Palästinensern die Hand zu reichen, die meisten Siedlungen zurückzunehmen und den Palästinensern bei der  Errichtung eines funktionierenden Gemeinwesens zur Seite zu stehen. Ich finde, dass all jene, die die israelische Siedlungspolitik, also den Landraub befürworten, den Israelis nichts Gutes tun, ja sie sogar schädigen, da dadurch ein gerechter Frieden unmöglich bleibt. Das sind vor allem zwei Gruppen: dumme Philosemiten und gescheite Antisemiten.

*Mit  willkürlichen Grenzziehungen legten 1915 Briten und Franzosen den Grundstein für die heutigen Konflikte in dieser Region.

Bücher dazu:

Herbert Fritz: Kampf um Kurdistan. Für Freiheit und Selbstbestimmung, bebildert, 288 Seiten, Verlag Hohe Warte, 2016, Preis 18 Euro

Herbert Fritz: Kampf um Palästina, 368 Seiten, Bildteil, Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Preis 15 Euro.

Beide Bücher (zusammen 25 Euro) können beim Autor direkt bestellt werden: herbert.fritz2@gmx.at   oder Tel.0699 125 98 134

You Tube zum Thema:

100  Jahre Krieg im Nahen Osten https://youtu.be/O3YIFdFjnFU

Kurdistan https://youtu.be/r5UfS8fnsCY

Referendum für Unabhängigkeit https://youtu.be/s4IYW5MYUDI

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6 Antworten zu Kampf um das Selbstbestimmungsrecht auch in Kurdistan

  1. Uli schreibt:

    …. stimmt, Kurdistan ist in der Zwickmühle. Gem. Selbstbestimmungsrecht der Völker steht den Kurden selbstverständlich ein eigener Staat zu. Auf USA ist natürlich keinerlei Verlass. Bin über Günter Deschner gut informiert.

  2. Corinna schreibt:

    Jede Initiative, die auf Selbstbstimmung hinausläuft wie auch in Katalonien oder in Südtirol wird von den Systemkräften gnadenlos abgelehnt und bekämpft. Übrigens auch in Palästina, wo „dumme Philosemiten“ den Palästinensern in den Rücken fallen.

  3. Jo schreibt:

    Meine Meinung zu Katalonien:

    Ein Referendum ist niemals illegal, denn das Volk ist der Souverän und steht somit über jedem Gesetz. Auch wenn das den Machthabern in Madrid oder Brüssel nicht passt, das ist völlig irrelevant. Ein ’souveränes‘ Volk darf und sollte nämlich, wenn es möchte, jederzeit eine neue Verfassung für sich beschließen, sich seine eigenen Gesetze machen. Und Völker dürfen sich daher auch teilen …

    … oder sich als Teilvolk abgrenzen, von Fremden oder fremd gewordenen, was auf das selbe hinaus läuft. Wenn sie es in der realen Welt meistens dennoch nicht tun, dann nur, weil sie unterjocht sind und nicht die Macht haben, die ihnen gebührt.

    • Morgenrot schreibt:

      Dem pflichte ich bei.
      Zum von Machthabern so beliebten Doofbegriff der »Legalität«: Auch Ceaucescu berief sich beim Standgericht darauf. Hat ihm nichts genützt. Das Erschießungskommando stand schon bereit.

    • Man stelle sich einfach mal vor, es gäbe keine politisch definierten Grenzen mehr (die ja ohnehin selbst illegal sind), dann würden sämtliche Politischen Dummheiten und Torheiten – und damit verursachte Konflikte, Krisen und sogar Kriege – wegfallen. Jo hat aber nur bedingt Recht, indem zwar das Volk und sogar jeder Bürger souverän ist, aber trotzdem nicht „über dem Gesetz“ steht: „Jeder Mensch steht ausschliesslich unter dem Naturgesetz – dem ‚Obersten Gesetz‘ und gleichzeitig ‚Höchsten Gericht‘ (das über allen politisch definierten Gerichten steht … und das ist durchaus nicht religiös gemeint …)“.
      „Das Fundamentale Menschenrecht aus Elementarer Menschenpflicht“ gibt nur dem ein Recht gegenüber anderen, der zuvor seine grundlegenden Pflichten erfüllt hat … Siehe http://www.politik-roboter.org ff. für ein nicht kommerzielles, neutrales Daseins & Gesellschafts-Management, mit „Stauffacher’s Individual-Politik-Roboter“-System.

    • Nachtrag: ich möchte ganz spezifisch auf „Prime-Tip“ in meiner erwähnten ‚Homepage‘ hinweisen (bitte zuerst anklicken) – da ist nach dem Ende meiner tiefgreifenden Analyse- und Denk-Prozesse der Anfang für eine künftige, höhere Daseins-, Gesellschafts-, Justiz- und Wirtschafts-Kultur zu finden …

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