Wir sollten uns neu erfinden

Nous devons nous réinventer                                                                                                   We should reinvent ourselves

 

Es  mag vielen wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheinen, daß linke Spitzenpolitiker in Österreich und Restdeutschland den rechten holländischen „Wahlsiegern“ gratulieren. Beinahe wie Ertrinkende scheinen sie und andere sich an die „Niederlage“ Wilders, dessen politische Ansichten man nicht teilen muss,  zu klammern. Neben einer gewissen allgemeinen Ratlosigkeit – „der Geist ist aus der Flasche“ (Wilders) –  verweist deren Vorgehen in letzter Konsequenz auch auf gemeinsame Interessen. Und man könnte in deren überschäumenden Reaktionen auf die Wahlergebnisse durchaus auch eine  beginnende Wagenburgmentalität von Systemverteidigern erkennen wollen.

Die von der politischen und gesellschaftlichen Crème de la Crème eingenommene Haltung entspricht in etwa jener eines österreichischen Nachrichtenmagazins, dessen Chefredakteur unlängst dieselbe und das System selbst „bei aller Kritik“ für sinnvoll erachtet. Gemeint sind:  „europäische Integration, Internationalisierung, Offenheit gegenüber fremden Kulturen, Regeln des politischen Zusammenlebens“. An sich könnte man dem zustimmen, wüsste man nicht, was damit in Wirklichkeit gemeint ist: europäischer Bundesstaat, Herrschaft der Banken und Konzerne, Multikulturalismus und Politische Korrektheit.

Eigentlich stellte sich damit für oppositionelle Rechtspopulisten die Systemfrage, aber gerade diese scheint weder  in den Niederlanden  noch sonst wo konsequent und unmissverständlich gestellt zu werden. Was da tönt, klingt eher lauwarm-reformorientiert und nicht wirklich entschlossen nach gesellschaftspolitischer Generalüberholung. Liegt es vielleicht auch daran, daß man noch keine einheitliche, dem nationalen wie auch europäischen Anspruch gerecht werdende  Weltanschauung,  die  das Gute der Dauer und den Sinn für den Wechsel zugleich zulässt, sich erworben hat?

Sollte es denn nicht darum gehen, sich eine für viele grundlegend neue Sicht der Dinge anzueignen, welche die  abendländische Krise des Geistes und des Glaubens zu beenden vermöchte und die  im Stande wäre, der Markt- und Konsumkultur eine ethisch-moralische Infrastruktur eines neuen sozialen Miteinanders von Individuen, Volksgruppen und Völkern in und für Europa gegenüberzustellen? Ein linke und rechte Dogmen und historische Gräben überwindendes Konzept sozusagen.

Die Zeit drängt. Bis jetzt nehmen die rechtspopulistischen Parteien zwar eine nützliche Funktion ein, haben aber systembedingt ein Ablaufdatum als System-Alternative. Ja einige hindern sogar das Entstehen einer revolutionären nationalen Speerspitze, die den opportunistischen  Populismus-Vorstoß der Etablierten ins Leere laufen ließe. Ich wiederhole: Wilders und Co.  haben ihre Nützlichkeit, etwa  indem auch sie den Boden für eine Wiederkehr des Nationalen aufbereiten, aber durch Unterwerfungen verschiedenster Art  könnten  sie als vermeintliche nationale Alternative bald  überflüssig werden. Denn sehr schnell wird man, und einige sind schon kurz vor dem Ziel, zu einer ganz normalen Systempartei. Wenn man bei Pfründen und Privilegien einmal angekommen ist.

Wie es ja anders auch nicht sein könnte, wird doch in vielen Fällen mit der Bevorzugung politisch zwar ehrgeiziger, aber knetbarer oder erpressbarer rechter Galionsfiguren und nützlicher „Hiwis“ im Kleinformat ein Schritt in diese Richtung gesetzt. Nicht überraschenderweise sieht sich das System durch neue Köpfe und die  jüngsten Abwehrerfolge bei gleichzeitiger Annäherung seiner politischen Hilfstruppen an rechtspopulistische Forderungen vorübergehend wieder gestärkt und zuversichtlich. Was nun, also?  Wir sollten uns neu erfinden, meint die sympathische Kabarettistin Lisa Fitz. Da ist was dran. Aber, wie gesagt, die Zeit drängt.

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3 Antworten zu Wir sollten uns neu erfinden

  1. Jaro Ruanza schreibt:

    Die derzeitigen Erfolge der Rchtsparteien lassen hoffen.Den überraschten Systemparteien fällt in ihrem ersten Schock nichts anderes ein,als sich zaghaft etwas an Rechts anzugleichen.Ob es ihnen damit gelingt den Rechten das Wasser abzugraben,wird sich erst erweisen – sicher ist dies keineswegs.Was nun das „Neuerfinden“angeht,so sind Vorschläge willkommen.Leicht kann so etwas nicht sein.

  2. Pingback: Niederlande: Türkenpartei auf dem Vormarsch | Kreidfeuer

  3. Kein Mensch braucht Politik, ausser jenen, die davon profitieren – folglich kann Politik kein gültiges allgemeines Menschenrecht sein (… es ist nicht Naturgesetzlich definiert)! Hingegen braucht jeder Mensch einen „Haushalt“, und damit nichts anderes als ein funktionierendes Wirtschafts-System. Insofern verstehen die hinterhältigen Politiker das Wesen eines humanen Daseins und integrer Gesellschaften völlig falsch – für die Schweiz z.B. zeigt sich das so:

    Unsere ‚Volksvertreter‘ verstehen ihre grundlegenden Funktionen und Aufgaben völlig falsch – wir müssen sie dringend auf loyales Verhalten verpflichten (und einschwören – wie es in der „Schweizerischen Eidgenossenschaft“ seit ihrer Gründung galt – und nach wie vor gilt!

    ‚Volksvertreter‘ haben keine Politik zu machen – vorallem keine parteiische Politik – und ihre System-Helfer und -Helfershelfer schon gar nicht!

    • Die Funktion von Volksvertretern ist die von ‚Gutsverwaltern‘ – sie haben die gemeinsamen Natur-Erbgüter ihrer Wähler („Gutsherren“) ordentlich, d.h., kaufmännisch neutral zu verwalten.
    • So dürfen sie zwar für ihre Verwaltertätigkeit eine Entschädigung erwarten – sofern sie sie nicht als „Freiwilligenarbeit“ ausüben (Ehrenamt) – hingegen muss aus ihrem Wirken ein Gewinn für die Gutsherren (Bürger) herausschauen (Bürgernutzen)!
    • So haben die Bürger vorallem keine Steuern für das Verwaltungs-System zu zahlen, sondern lediglich für Investitionen in Anlagen und Dinge des gemeinschaftlichen Grundbedarfs (Versorgungs- und Besorgungs-Funktionen, nach ausgewiesenem Bedarf …).
    • Aus einer erfolgreichen Gutsverwaltung müssen Geschäfts-Erträge und -Gewinne resultieren, von denen die ‚Gutsherrschaften‘ ordentlich leben können!
    • Was die „Funktionäre und ihre Helfer“ an Systemverbesserungen vorschlagen, haben sie selber im System einzuführen, d.h., praktisch umzusetzen und zu tun (Arbeits-Erleichterung; Erhöhung des ökologisch/ökonomischen Gesamt-Nutzens …). Sie haben es nicht als „Gesetze und Verordnungen den Gutsherren aufzutragen“ – sie sollen einfach sinnvolle und zweckmässige Normen erarbeiten, anstatt Gesetze zu erlassen …
    o Es gibt nur ein Ur-Gesetz, das für alles Werden, Sein und Geschehen in allen Welten und der ganzen Natur ewig gilt – es ist nicht zu ändern, nicht zu ergänzen, und vorallem nicht zu toppen!

    Das hat nichts mit „neu erfinden“ zu tun, sondern mit „Weisem Verhalten“ nach Naturgesetz … (siehe http://www.swiss1291new.org, „Die Schweiz von 1291 neu organisieren“ > Global-Modell)

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