Böhmermann – mehr als eine Staatsaffaire

Böhmermann – plus qu´une affaire d´Etat                                                               Böhmermann – more than a state affair

Das Kapitel von der menschlichen Torheit ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Eine aktuelle  Randnotiz in demselben zeigt aber wieder einmal, wie souverän doch ein Dummkopf gesunden Menschenverstand und guten Geschmack zu ignorieren vermag. Nun wird Jan Böhmermann nicht in allen Augen ein Blödmann sein, ein geschmackloser Satiriker ist er ohne Zweifel.  Daß er seinen Mund etwas zu voll genommen hat, wird er spätestens seit der Erkenntnis, was er damit auch für seine persönliche Sicherheit heraufbeschworen hat, wohl begriffen haben.

Nein, mutig war das nicht, eher schon blöd, und nur weil um ihn herum es von solchen Blödmännern und leider auch -Frauen nur so wimmelt, ist das noch lange kein Grund den Nachahmer zu geben, so ein verlockendes Opfer der zu recht kritisierte Erdogan, dessen Türkei mit Sicherheit nicht europatauglich ist, auch sein mag.

Man könnte Böhmermanns Aktion zwar  auch als eine Steilvorlage für Erdogan sehen, aber das war wahrscheinlich gar  nicht die Absicht. Man fragt sich überdies, war der plumpe Satiriker überhaupt der Erfinder des ganzen Schwachsinns? Und da das ganze über einen öffentlich-rechtlichen Sender lief: wer förderte das nicht nur atmosphärisch im Hintergrund und was war der wahre Zweck? Sollte in Erwartung der offiziellen Reaktionen der Graben zwischen der Türkei und der Europäischen Union vertieft oder sollten gar die Fronten zwischen Islam und dem schwächelnden Abendland verstärkt werden?

Wie auch immer, die Konsequenzen der von den Verteidigern der „künstlerischen Freiheit“ als vernachlässigbare Angelegenheit angesehene Böhmermann-Einlage, könnten, auch wenn viele das heute nicht so sehen werden oder können, und selbst wenn vorübergehend eine Beruhigung eintritt, noch unangenehmer Natur sein. Als äußerst unangenehm empfinde ich aber jetzt schon den in diesem Zusammenhang vermittelten jämmerlichen Zustand einer Kulturnation, deren größte Geister angesichts der Niveaulosigkeit ihrer heutigen Kultur-Repräsentanten im Grabe rotieren müssen.

Also haben wir neben einer Staatsaffaire auch einen kulturpolitischen Skandal. Herrn Erdogan es hineinzusagen, dazu gebe es anspruchsvollere geistige Waffen wie auch andere Möglichkeiten, aber dazu ist man sowohl in der Politik als auch im ZDF anscheinend unfähig. Man könnte es auch so sehen: ein solches Gedicht ist darüberhinaus in Wirklichkeit der Ausdruck europäischer Hilflosigkeit, und besonders deutscher à la Merkel.

Dabei drängen sich  in der nämlichen Causa noch andere Fragen auf: Wie wäre es denn, wenn ein deutscher Satiriker ein drittklassiges Schmähgedicht dieser Art dem israelischen oder amerikanischen Präsidenten gewidmet hätte, ja wenn der Autor  gar ein rechter Publizist gewesen wäre? Da nun ja auch schlechter Geschmack angeblich keine Grenzen kennen darf, zumal wenn er sich unter dem Deckmantel der Satire austobt, fragt man sich doch, würde das dann wirklich in jedem anderen  kritischen Falle so gehandhabt werden wie in dem aktuellen? Würden dann die den ZDF-Moderator verteidigenden  edlen Ritter  der freien Meinungsäußerung ihrem Ideal zuliebe auch die giftigste Schmäh-Kröte schlucken? Das würde ich mir dann doch gerne einmal ansehen.

Wagen wir uns bei der Gelegenheit  in andere Gefilde vor, etwa in jenes schwarze Loch der Zeitgeschichte, das manches Aufhellende  zu verschlingen vermag. Würde es da ähnlich wie im konkreten Fall auch heißen können, „die verletzten Gefühle der …. dürften keinen Einfluß auf die Pressefreiheit in Deutschland haben“ (Bloggerin Doering)? Ich habe da meine Zweifel, auch traute sich wohl keiner, sich in einem solchen Falle auf den fälschlicherweise Voltaire zugeschriebenen Gedanken* zu  beziehen.

Daß heute ganz allgemein künstlerische Freiheit immer wieder nur als Vorwand benützt wird, um eine gewisse  Ideologie oder Einstellung zu transportieren und damit gleichzeitig eine konkurrierende hintanzuhalten, sollte dabei nicht übersehen werden. Tun können, was andere nicht dürfen, ist gewiß reizvoll.

Welche Lehren könnten wir also aus dem Fall Böhmermann ziehen? Daß Dummheit und schlechter Geschmack nicht aussterben, haben wir hier schon festgestellt. So weit nichts Neues und nichts Weltbewegendes. Noch nicht. Ich sage das so, weil die Geschichte doch lehrt, daß selbst vernachlässigbar scheinende Dinge ihre Zeit brauchen, aber dann oft nachhaltiger wirken als so manch historisches „Event“.

Nun, wie ich schon sagte, wir werden es möglicherweise noch erleben, auch wenn die heikle Affaire dann  nicht die Hauptrolle spielen würde und Böhmermann, dessen gewundene Rechtfertigung, er habe ja vorher darauf  aufmerksam gemacht, daß man das nicht sagen dürfe, längst vergessen sein wird. Als wenn auch winziger, aber zündender Funke in einem hochexplosiven geopolitischen Gemisch könnte sich der Eklat Rückblickenden aber noch einmal in Erinnerung rufen.

*Ich mißbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ – (Eigentlich von Evelyn Beatrice Hall stammend)

Zum Thema:

Darf Satire alles?

https://youtu.be/i7aA7PqXGqg

Unter der Gürtellinie

https://youtu.be/cPwVBIxDQT8

Bei Anne Will

https://youtu.be/iJsTgVtdYHU

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9 Antworten zu Böhmermann – mehr als eine Staatsaffaire

  1. Hermann Szlezak schreibt:

    Die Affäre Böhmermann dient wohl dazu, den Menschen von den wirklichen Problemen, so etwa Panama, Ressourcen- Diebstahl, Inflation, Zinseszins usw. abzulenken

  2. Jaro Ruanza schreibt:

    Was heutzutage unter „Pressefreiheit,Freiheit der Kunst“,usw.auf die Öffentlichkeit losgelassen wird,übersteigt schon lange die Schmerzgrenze.Selbstverständlich wird diese „Freiheit“ aber auch recht einseitig gepflogen.Würde zum Beispiel jemand über Ereignisse in der Jüngeren Geschichte frei von der Leber weg berichten,wäre es mit dieser Freiheit spontan zu Ende.So aber werden wir weiterhin von sogenannten „Künstlern“auf niedrigem Niveau genervt.Wie kann es denn sein,daß eine sogenannte Jass-Gitti seit der Fernsehsendung „Dancing Stars“fast täglich in verschiedenen Gazetten meist mit weit geöffnetem Mund und neuerdings auch mit häßlich herausgereckter Zunge dem Publikum präsentiert wird. Einfach ekelhaft !

  3. HGa schreibt:

    Sehr geehrter Herr Müller, ich habe Ihren „Böhm…“ gelesen und zolle Ihnen meine ganze Anerkennung. Ich sehe den Skandal ähnlich wie Sie: Ein totales Fiasko des aktuellen deutschen Geisteslebens. Wo wird das mit ARD, ZDF und Merkel enden? MfG HGa

  4. Bernhard schreibt:

    Ganz Ihrer Meinung, Herr Müller! Wenn transatlantisch gesteuerte Medien so etwas erscheinen lassen, kann das kein „Zufall“ sein.

    • Helmut Müller schreibt:

      Könnte ja sein, daß man Merkel schon fallen gelassen hat. Sie hat ihren „Job“ getan, und Böhmermann den Rest.

  5. Waffenstudent schreibt:

    PLAGIAT:

    Treffen sich Böhmermann und Merkel im Magen vom Erdogan. Fragt Böhmermann: „Hat dich auch der Erdogan gefressen?“
    Darauf Merkel:“Nein, ich komm von der anderen Seite.“

     

  6. Waltraut Kupf schreibt:

    Das Ganze ist ein Vorgriff auf die Neue Weltordnung, in der theoretisch jeder alles überall darf und überall die gleichen Rechte hat. Natürlich werden aber immer einige gleicher sein, und das Ganze wird, je nach Opportunität, wieder ausgehebelt. Merkel versucht, in andere Staaten (die es ja am besten gar nicht mehr geben sollte) hineinzuregieren, jetzt regiert eben Erdogan nach Deutschland herein. Intendiert ist auch die allgemeine Verwirrung: gerade schrie noch halb Europa „je suis Charlie“, nun wird es aber nicht ratsam sein, zu laut „je suis Böhmermann“ zu schreien, obendrein scheint der Charakter dieser Satire (falls es eine ist) nicht sehr subtil zu sein. Vergleichbares darf nicht verglichen werden, nicht Vergleichbares wird verglichen. Leute, welche das Gleiche tun, sind, je nach Opportunität Kämpfer für Menschenrechte und alles Gute und Schöne, dann aber wieder Terroristen. Die Leute wissen nicht mehr, was sie glauben sollen, werden passiv und fatalistisch. „So ist´s recht“, sagen zufrieden die Eliten. Wer noch einen Rest Selbstbehauptungswillen zeigt, ist der Einfachheit halber gleich einmal ein Nazi oder zumindest Faschist. Was man hier tun kann ist, sich einen möglichst klaren Durchblick zu verschaffen und diesen nach Möglichkeit auch anderen zu vermitteln. Die Schwierigkeit dabei ist, daß oft keinerlei Diskurs mehr stattfinden kann, weil die Leute aufgrund jahrzehntelangen ideologischen Bombardements nur noch reflexartig wie der Pawlowsche Hund reagieren und gar nicht mehr darüber nachdenken wollen, warum sie für oder gegen etwas sind.

  7. Franz schreibt:

    Vielleicht ist der wahre Sachverhalt ein ganz anderer. Um meinen Einwand zu verstehen ist es vorerst jedoch nötig sich mit der Psychologie der Massen auseinander zu setzten. (Gustav Le Bon) Wenn ein Diktator seinen Nimbus verliert so verspielt er damit alles. Eine kleine Niederlage kann sein Image zerstören. Und so frage ich mich ob es nicht eine Niederlage vor dem Türkischen Volk wäre wenn ihr Präsident nicht in der Lage ist einem körperlich eher kleinen Menschen wie Böh… gerichtlich beizukommen. Aus dieser Sicht stellt sich dann natürlich alles anders dar. E.. ist in seiner Überheblichkeit voll eingestiegen und der ZDF hat die Sache inszeniert und finanziert die Verteidigung. Es würde mich wundern wenn gerichtliche Verurteilungen folgen, was eine wahre Schmach für den Präsidenten wäre. Der einzige Ausweg wäre die Liquidation des frechen Beleidigers um den Nimbus erhalten zu können. Jetzt ist dann nur noch die Frage offen ob Bö… so dumm war das alles nicht zu wissen oder ob er ein äußerst mutiger Mensch ist. Es ist zu vermuten das er einfach viel Geld bekommen hat. Von wem ist eine andere Sache. Der ZDF vorerst – klar, aber ich denke die Anordnung kommt von ganz anderer Seite.

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