Helmut Schmidt ein Nazi?

Helmut Schmidt un Nazi?                                                                                                      Helmut Schmidt a Nazi?

Jetzt hat es auch den im hohen Alter stehenden Helmut Schmidt erwischt. In ihrem Buch „Helmut Schmidt und der Scheißkrieg“ (Piper) rechnet die bis dato unbekannte Journalistin Sabine Pamperrien, eine mit der Gnade der späten Geburt, mit dem Ex-Kanzler und dessen Vergangenheit ab. Ein Auftragsbuch?                                                     Die zum Teil an den Haaren herbeigezogenen oder überzogenen NS-Vorwürfe lassen es vermuten. Sollte denn Helmut Schmidt, der als Politiker den einen oder anderen verbalen Fauxpas oder politischen Mißgriff zu verantworten haben mag, ein verkappter Nazi sein? Das wird ja wohl die Autorin auch nicht glauben wollen, Schmidt aber bewußt in diese Nähe zu rücken, scheint doch beabsichtigt zu sein. Der Tendenz des Buches entsprechend, hätte es nicht verwundert, wäre die Autorin nicht auch Sagern nachgegangen, die Schmidt bereits in der Gehschule von sich gab. Ein Fall für Daniel Goldhagen („genetisch bedingt“) sozusagen.

Ein Vorwurf lautet, die Hitler-Jugend habe ihn, Schmidt, fasziniert. Wenn nicht? Ja und später, als junger Offizier, sei er bewußt der NS-Ideologie nahegestanden. Nicht nur er, wie wir wissen. Aber auch das allein wäre noch kein Verbrechen, und nicht nur heutige Besserwisser und Gutmenschen wären damals auch dabei gewesen.                                           In seinen Erinnerungen berichtet der ehemalige SPD-Politiker Egon Bahr von einem Gespräch mit Captain Hans Wallenberg, einem emigrierten deutschen Juden, in dem dieser gestand, nicht zu wissen, ob er nicht auch Mitglied der NSDAP geworden wäre, wenn er im Reich geblieben wäre.                                                                                                        Nein, Helmut Schmidts angebliche oder tatsächliche NS-Vergangenheit ist kein Buch wert, es sei denn, man will seinem Ansehen Schaden zufügen. Eine mediale Hinrichtung hätten einige andere, die tatsächlich massiv in dem NS-System verstrickt waren oder von ihm profitierten und sich nach 1945 umgehend auf die karriere- oder geschäftsfördernde Seite schlugen, eher verdient.

Was könnte denn der wahre Grund sein, daß dieses Buch kurz vor dem 96. Wiegenfeste des Altkanzlers der Öffentlichkeit präsentiert wurde? Ich habe nur eine Mutmaßung, aber die ist wahrscheinlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Schmidt, inzwischen ein von vielen geschätzter „elder Statesman“ , hatte sich im Laufe seiner politischen Karriere nicht nur Freunde gemacht, zuletzt aber, als Weiser von der Alster, hat er mit seinen offenen und treffenden Kommentaren manche wohl ins Mark getroffen. Nicht nur, obzwar dem BRD-System und dem atlantischen Bündnis verbunden, als Rußland- und China-Versteher. Besonders seine israelkritischen Bemerkungen müssen bei einer bestimmten Seite höchst befremdend und alarmierend gewirkt haben. Da lästert oder schreibt ja nicht irgendein Ewiggestriger oder Neurechter, sondern da spricht und schreibt eine angesehene Persönlichkeit der Sozialdemokratie, deren Meinung deutschlandweit Beachtung findet.

Der Fall führt eigentlich zwei wesentliche die Jetztzeit prägende Dinge vor Augen: Zum einen weist er darauf hin, daß das Geschäft mit der NS-Zeit sowie dessen Instrumentalisierung für persönliche oder politische Zwecke weiter geht (Hitler muß ja schon Schluckauf haben, so intensiv denken seine „Geschäftspartner“ an ihn). Zum anderen tritt das Fehlen großer Persönlichkeiten in der Politik immer klarer zu Tage. Was auch damit zu tun hat, daß „klare Strukturen und Ordnungen, Kameradschaft als Einstehen für den anderen, Fürsorge für den Schwächeren“, wie sie Helmut Schmidt kennzeichnen sollen, für viele schon als verwerflich gelten.                                                           Man muß noch kein „Fan“ von Helmut Schmidt sein und auch nicht, wie ich, mit jeder seiner Äußerung übereinstimmen, um ihm nicht die vorhin erwähnte „typisch deutsche“ Einstellung zuzugestehen. Über deren allgemeine Zurückdrängung, und das nicht nur in der Politik, wird noch einmal zu reden sein, weist es doch auf weitere moralische Defizite dieser Zeit und einen zu Grunde liegenden kulturellen Abstieg hin.

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3 Antworten zu Helmut Schmidt ein Nazi?

  1. Waltraut Kupf schreibt:

    Es ist ausgesprochen lächerlich, in der geradezu manischen Entzauberungssucht angesehener Leute beflissen mitzukläffen. Sebastian Haffner, Publizist, Jurist und Historiker, Hitler-Gegner, emgiriert wegen seiner Ehe mit einer Jüdin, schreibt (wenn ich mich richtig erinnere) in „Geschichte eines Deutschen“ , ihn habe die Hitlerjugend wegen der teilweise schönen Gemeinschaftserlebnisse durchaus eine zeitlang fasziniert. Er nahm auch in einer sehr lange zurückliegenden Klub-2-Sendung eine Frau in Schutz, die vom Rest der Diskussionsrunde mit einem vehementen Bashing bedacht wurde, weil es in ihrer Vergangenheit Punkte gab (ich weiß nicht mehr, welche), die man (zu Recht oder zu Unrecht) für kritikwürdig hielt. Wenn Kreisky sagt, man könne ja auch gescheiter werden, so muß man diesen Umstand auch anderen Leuten zubilligen. Seelische und gedankliche Prozesse sind halt nicht immer so einfach, wie sich das irgendwelche Grünschnäbel zurechtzimmern, Ungeachtet dessen kann es ja andererseits wirklich vorkommen, daß in manchen Fällen das Gleissen der Gloriole etwas abgeblendet werden könnte, nur: ein Haar in der Suppe findet sich wohl überall. Konsequenterweise müßte man dann zum Ausgleich nicht nur das Böse bei den vermeintlich Guten suchen, sondern auch das (wahrscheinlich ebenfalls auffindbare) Gute bei den Schurken der Geschichte. Das traut man sich aber nicht, auch wäre ein so verwickeltes Psychogramm den meisten Leuten zu kompliziert. Man immer feste druff.

  2. Dagmar schreibt:

    Ich lese gerne Ihre Aussendungen. Bei diesem Bericht „Helmut Schmidt ein Nazi?“ war ich über die Art der Gelassenheit überrascht. Wirklich erfreulich.

  3. Gernot schreibt:

    Als 96jähriger darf man sich wohl aus der Deckung wagen. Dafür gröllen linksrabiate Pubertierende pausenlos „Nazi“ – in der Hoffnung, möglichst aufmüpfig zu sein. Dabei ist alles was sie zum Thema NAZI wissen, die Überzeugung, daß dies offensichtlich das schlimmste Schimpfwort sein dürfte, das die Weltgeschichte jemals hervorbrachte. Inhaltlich setzen sie es vermutlich mit einer hochansteckenden Krankheit oder dem Familiennamen eines ehemals ungeliebten Lehrers gleich. Dumm wie sie sind!

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