Der Anfang vom Ende einer Supermacht – und wir im Schlepptau

Als sich der  Historiker, Präsidentenberater und Pulitzer-Preisträger Arthur M. Schlesinger, Jr. in seinem Buch „The Disuniting of America“ * mit der multikulturellen US-Gesellschaft eingehend und, angesichts der Gefahr eines „rassischen“ und „ethnischen Separatismus“, nicht ganz unbesorgt beschäftigte, lautete, trotz unübersehbaren Wetterleuchtens am Schmelztiegel-Horizont, sein End-Befund dennoch zweckoptimistisch: „Was ist dieser neue Amerikaner?…Hier (in den USA, Anm.) werden Individuen aus allen Nationen zu einer neuen Menschenrasse verschmolzen“.                                                      Das, so kann man es heute wohl sagen, dürfte inzwischen Schnee von gestern sein, auch wenn die Anhänger einer solchen Illusion noch nicht ganz aufgegeben haben.

Daß die Identität der US-Amerikaner „nie fertig ist und sich weiterentwickelt“  (Schlesinger), kann insgesamt zwar so gesehen werden. Doch von welcher einzigen und typischen US-Identität werden  wir  in etwa zwei Jahrzehnten denn überhaupt noch sprechen können? Der Vormarsch der farbigen Ethnien trägt doch eher dazu bei, daß schon sehr bald in diesem Amerika gleich mehrere Identitäten nicht nur nebeneinander sondern auch  jede für sich autonom die Macht beanspruchen und in einem ihrer Herkunftskultur gemäßen Sinne auszuüben versuchen werden. Was, aus unterschiedlichen Gründen, nicht ohne Folgen für die  Leistungsfähigkeit und Stabilität der Nation insgesamt bleiben würde.              

Lenkte Schlesinger sein Augenmerk noch mehr auf den „Afrocentrismus“ als Spaltpilz, so befinden sich längst die Latinos in einer noch bedeutenderen Ausgangsposition um das uns bekannte US-Amerika inhaltlich noch wesentlicher zu verändern. Da könnte selbst der Gründermythos davon etwas abbekommen. Und wenn sich die  bisher tonangebenden Weißen nicht rechtzeitig besinnen, könnte es sein, daß sie in wenigen Jahrzehnten in keinem einzigen Bundesstaat mehr die Mehrheit stellen werden.

Die von Schlesinger wohl nicht ignorierte, aber von vielen unterschätzte „Decomposition“ der US-Gesellschaft, der halb Europa pflichtbweußt nacheifert, machte sich jüngst in einem anderen Bereich auch für Außenstehende bemerkbar. Das sehr fragwürdige Gerangel der zwei großen Parteien um einen stabilen Bundeshaushalt war ein sehr deutliches Indiz dafür, daß es in diesen USA schon um mehr geht als nur um parteipolitisches Kleingeld. Da prallen mittlerweile zwei Denkwelten aufeinander, wobei beide  Lager als Verlierer hervorgehen, im Grunde aber auch das Land selbst.                                                               Auch hat der die Weltgemeinschaft empörende  NSA-Skandal zusätzlich Auswirkungen auf das US-amerikanische Selbstverständnis und untergräbt jetzt auch noch die globale Führungsrolle gegenüber einem selbstbewußter werdenden Ausland

Das heißt nun konkret, so einfach wie früher wird man mit verbündeten Vasallen oder auch aufstrebenden Konkurrenten am Weltmarkt nicht mehr umspringen können. Dennoch versucht man mittels Drohungen und Erpressung und auch über ein demokratiepolitisch bedenkliches Freihandelsabkommen mit der EU, das US-Konzernen die Möglichkeit böte, nationale Regierungen in die Knie zu zwingen, global wieder Fuß zu fassen und ökonomisch auf Kosten der Europäer zuzulegen.                                                     Die Aussichten dafür sind aber vorerst nicht ganz so wie erhofft, auch wenn europäische Vasallen in letzter Konsequenz  sich nicht einem solchen Abkommen ganz verschließen werden können. Die Stimmung in weiten Bevölkerungskreisen der EU ist  in dieser Hinsicht zwar nicht berauschend, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. So weit kennen wir unsere EU-Politiker schon.

Weht nun diesbezüglich den Konzernen und deren Regierung in den USA ein störender Wind entgegen, so kommt einer Sturmwarnung gleich, was von der ostasiatischen Küste her vernommen werden muß. Also da fordert Peking erst einmal mehr Mitsprache bei IWF und Weltbank und man  ist auch bestrebt, die chinesische Währung als Weltwährung zu etablieren. Allerdings muß China vorher noch seinen Dollarbestand reduzieren, aber im Erdölhandel spricht man immerhin schon von einem Petro-Yuan, und in den Entwicklungs- und Schwellenländern sind die Chinesen inzwischen hochaktiv und erfolgreich.                                                                                                                                     Sehr interessant ist nun aber ein Leitartikel in der chinesischen Parteizeitung „Xunhua“, demzufolge das unwürdige Schauspiel im US-Parlament das Ende der US-Machtansprüche angekündigt  habe. US-Amerika könne nicht mehr den Anspruch auf Weltführung erheben, heißt es. Washington habe seinen Status als Supermacht mißbraucht, finanzielle Risiken nach Übersee verschoben, regionale Spannungen angestiftet, ungerechtfertigte Kriege geführt und damit auch  mehr Chaos in die Welt gebracht. Da widerspiegelt sich schon einmal die derzeitige Gemütslage der Chinesen, und die ist alles andere als devot-freundlich wie man es in Washington von europäischer Seite gewohnt ist.

Nun wäre es aber gewiß verfrüht, die Noch-Spupermacht in der nächsten Zeit schon ganz abschreiben zu wollen. Dazu sind ihre Ressourcen und Möglichkeiten, wenn auch schwindend, noch zu groß. Und da die Europäer vorerst noch „mitgefangen“ sind, wäre auch Schadenfreude  von unserer Seite wenig sinnvoll. Doch anzuraten ist, sich auf die sich ändernde Weltlage  rechtzeitig und richtig einzustellen. Will heißen: das Heil liegt nicht mehr bei Uncle Sam, doch ist eine kluge Vorgangsweise ratsam.                                           

Zwar hat es in der Geschichte von Reichen auch den einen oder anderen Fall gegeben, daß inmitten einer Niedergangsphase in einem günstigen Augenblick der Geschichte ein plötzliches Aufblühen erfolgt, doch war ein solches meist von kurzer Dauer. Wenn der Keim des Niedergangs einmal die Eliten und auch die gesamte Gesellschaft erfasst hat, ist das Ende derselben nur mehr eine Frage der Zeit, wobei das Siechtum sich über eine lannge Periode erstrecken kann.                                                                                                             Wollte Europa diesem Schicksal entgehen, müßte es so rasch wie möglich seine Unterwerfung unter das Regime von Wallstreet und City of London  beenden  und in allen gesellschaftlichen Bereichen eine radikale Kehrtwendung einleiten. Das wird äußerst schwierig, gewiß, da – anders als in China, das nie die Kultur der Eroberer angenommen hat – der kulturimperialistische „american way of  life“  Teile der europäischen Gesellschaften bereits infiziert hat. Aber schon dieses Jahrzehnt wird zeigen, wie weit die Abwehrkräfte  Europas, das derzeit von Politikern und Managern in Diensten des  internationalen Kapitals geführt wird, noch intakt sind.

* Arthur M. Schlesinger, Jr.: „The Disuniting of America – Reflections on a Multicultural Society“, 1992, Norton & Company

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4 Antworten zu Der Anfang vom Ende einer Supermacht – und wir im Schlepptau

  1. josen62 schreibt:

    Das ist alles recht gut kommentiert, läßt allerdings den wesentlichsten Aspekt außer Betracht. Das ist die religiöse Einstellung der Bevölkerung. Bisher war das ganze Land i.W. von einer christlichen Grundströmung getragen; es gab ein weitgehend allgemein anerkanntes und auf dem christlichen Glauben fundiertes Wertegerüst. Fremdes hat sich unter Beibehaltung der eigenen Identität darin eingefügt und „wurde verschmolzen“. Seitdem aber das auf dem Christentum basierende Wertesystem der Amerikaner (selbiges gilt für Europa genau so) aber immer mehr demontiert wird zugunsten von Ideologien von „klugen Leuten“ und sie auf dem Altar des Relativismus geopfert werden – alles soll gleich gültig sein und nebeneinander existieren können – zeigt sich, daß das bisherige Zusammenleben der Menschen mit unterschiedlichen Wertesystemen nicht funktioniert. Kann auch nicht, denn neben dem Alleingültigkeitsanspruch des Koran kann kein gleichberechtigtes Nebeneinander einer anderen Glaubensrichtung nicht existieren. Im islamischen Bereich konnte sich, anders als im Christentum, kein Atheismus entwickeln. So wie sich Feuer und Wasser nun einmal nicht „vertragen“. Mit dem Islam verschwindet jede atheistische Ideologie, ob Marxismus oder Kapitalismus (als ismus). Mit dem Relativismus zerfallen alle darauf gründenden politischen Systeme automatisch von innen her und werden entweder von der militanten Umma, der Koran-basierten Gesellschaft, oder einer freiheitlichen auf dem Christentum basierten ersetzt. Letzteres nur dann, wenn die Menschen zur Einsicht kommen. Es gibt dazu keine Alternative.

  2. Waltraut Kupf schreibt:

    Es fällt auf, daß die stets opportunistische Medienwelt sich in zunehmendem Maße amerikakritisch geriert. Das Theater mit der NSA dürfte als Aufhänger dienen, etwas auf Distanz zu gehen, wobei die Ratten das möglicherweise sinkende Schiff verlassen. Schon vor fünfzehn Jahren gab es Literatur, die gewissermaßen schon ein Abgesang auf die Hegemonie Amerikas war. Die hochgepriesenen „weltoffenen“ Schmelztiegel werden in zunehmendem Maße hilfloser, da kein oder ein zu schwaches verbindendes Moment gegeben ist. Europa wäre gut beraten, die Position einer Art Äquidistanz von Ost und West anzustreben. In der Praxis werden einzelne Staaten zu Amerika tendieren, andere nach Rußland, sodaß es mit „Europa als Gegengewicht zu den USA“ kaum etwas werden kann. Erst neulich wurde Putin von einem Journalisten als der eigentlich mächtigste Mann der Welt bezeichnet und nicht mehr „The President of the United States“, was ja auch angesichts der Schwäche Obamas immer unglaubwürdiger wäre. Daß es mittlerweile auch in Moskau bereits viele McDonalds Filialen gibt, halte ich für kein wesentliches Moment. Es tut sich allerdings ein neuer Schauplatz zwischen Rußland und China auf, der zwischen Zweckbündnis und Konkurrenz mit oder ohne chinesische Invasion (wirtschaftlicher Art) laviert.

  3. heinz schreibt:

    Ich habe gelesen, dass ein kommender großer Krieg zwischen China und den USA vor der Türe steht!

  4. Corinna schreibt:

    Nach Informationen eines ehemaligen CIA-Mannes sollen in den letzten vier Jahrzehnten sechs Millionen Menschen in der Dritten Welt durch US-amerikanische Geheimdienstaktivitäten und diverse Spezial-Einsätze ums Leben gekommen sein.

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