Das Janusgesicht des Faschismus

Was unsere Vorfahren im Österreich des März 1938 bewegt hat

Ein Gastbeitrag von Friedrich Romig*

Vorbemerkung: Beim Googeln über Faschismus machten wir im Blog von  Andreas Unterberger (://www.andreas-unterberger.at/2013/03/der-anschluss-die-philharmoniker-und-die-gruene-taktik/) einen Goldfund. Wir stießen auf einen Beitrag zum 75. Jahrestag des Anschlußes 1938, der alle bei den diversen Gedenkfeiern durch die Herren Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Vizekanzler und einseitigen Kommentatoren geäußerten Betrachtungen, Würdigungen und Wertungen zur politisch korrekten Makulatur macht. Und ebenso stellt es die niveaulose Reduzierung der Vorgeschichte des Anschlußes auf den österreichischen Antisemitismus nach dem Motto: „Haust du meinen Judenhaßer (Leopold Kunschak), hau ich deinen Judenhasser (Karl Renner)“ bloß, wie das im STANDARD (12./13. März 2013) durch Kurt Bauer und Franz Schausberger geschah.                                                                                                                  Die Verbreitung dieses Beitrags über „Das Janusgesicht des Faschismus“ unter der Jugend sollte allen eine Herzensangelegenheit sein, denen an der Versöhnung der Generationen mit der Geschichte ihres Landes liegt. Damit wir alle eins seien – „ut omnes unum sint“.

Warum haben die Österreicher in so großer Zahl Hitler und der Deutschen Wehrmacht bei ihrem Einmarsch zugejubelt? Warum war der Anschluß Österreichs an Deutschland vor 70 Jahren  “eine Liebesaffäre und keine Vergewaltigung” (Edgar Bronfman)?  Wie ist die am 10. April 1938 erfolgte überwältigende Zustimmung des Wahlvolkes zu erklären, die weder auf Wahlfälschungen noch auf Pressionen zurückgeführt werden kann (Gerhard Botz)? Niemand, der sich mit der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befaßt, kann der Frage ausweichen, was denn unsere Vorfahren bewogen hat, sich in hellen Scharen und ganz unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung oder Parteipräferenz faschistischen Bewegungen anzuschließen und ihren diversen „Führern“, „Duces“ oder „Caudillos“ voll Begeisterung zu folgen.  Für viele Millionen wurde es ein Weg in den Tod und für das deutsche Volk ein “Weg in den Abgrund” (K. Weißmann).

Eine kompetente Antwort auf diese Fragen gibt uns einer der neben E. Nolte wohl berühmtesten Faschismusforscher der Gegenwart, der nunmehr emeritierte Professor für Politikwissenschaften der Hebräischen Universität in Jerusalem, Zeev Sternhell.            Sternhell vertrat  in einem Vortrag vor der Siemensstiftung in München zur Überraschung wohl mancher Zuhörer die These, daß der Faschismus die einzige Ideologie sei, welche mit den gravierenden Problemen der Moderne, vor allem dem Versagen der Parteiendemokratie und der Entfremdung der Arbeitermassen von der Gesellschaft, fertiggeworden sei. Diese, vielen zeitgeschichtlichen Untersuchungen und vor allem den „Politisch Korrekten“ widersprechende These in ihrem sachlichen Gehalt zu verstehen, war Veranlassung, sich wenigstens in das einzige, bislang in deutscher Sprache erschienene Buch Sternhells (et al.) über „Die Entstehungsgeschichte der faschistischen Ideologie“ (Hamburg 1999) zu vertiefen.                                                                                                         Der Faschismus, so Sternhell, sollte  zuerst und vor allem als eine kulturelle Revolution begriffen werden, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eingesetzt hat , von der Sammlung der nationalen Kräfte im Ersten Weltkrieg gestärkt wurde und in den unmittelbar folgenden Jahren im Italien Mussolinis ihren politisch Durchbruch erzielte.

Die kulturelle Revolution des Faschismus war auf die Ablösung der materialistischen, dekadenten, hedonistischen, egoistischen und individualistischen bürgerlichen Gesellschaft sowie der liberalen Demokratie gerichtet, die durch das Gewicht von Zahl und Quantität der Wählermasse das gesamte Kulturniveau herabzog und mit ihren sich gegenseitig bekämpfenden Parteien zur Spaltung und Schwächung der Nation beitrug. Begründet und getragen wurde die kulturelle faschistische Revolution von den meisten prominenten Philosophen, Sozialwissenschaftern, Schriftstellern, Malern, Musikern sowie auch von vielen Sozialistenführern, die eine „nichtmaterialistische Revision des Marxismus“ in die Wege leiteten.                                                                                                                                 Wir begegnen hier so bekannten Namen wie  Thomas S. Eliot, Gabriele D´Annunzio, Ezra Pound, W. B. Yeats, D. H. Lawrence, Thomas Ernst Hulme, William James, Wyndham Lewis, Gustave Le Bon, Charles Maurras, Maurice Barrès, André Malraux, Benedetto Croce, Arthur Moeller van den Bruck, Ernst Jünger, Gottfried Benn, Hendrik de Man, Robert Michels, Vilfredo Pareto, Giovanni Gentile, Gaetano Mosca, Pierre Drieu La Rochelle. Als Vorläufer lassen sich Pierre Joseph Proudhon, Charles Péguy, Friedrich Nietzsche und vor allem Georges Sorel anführen. Sie alle verbindet die radikale Ablehnung von Aufklärung, Humanismus und Demokratie.

Der Aufklärung wird die Verabsolutierung des Rationalismus vorgeworfen. Gerade die großen und existentiellen Entscheidungen und Antriebskräfte des Menschen und der Geschichte lassen sich nicht durch die ratio erklären. Sie sind viel eher in irrationalen oder besser: überrationalen Bereichen zu finden, in denen das Unbewußte, die Religion, der Mythos und die Poesie zuhause sind. Sie formen die Völker und ihre Menschen, wecken ihre Begabungen und „begeistern“ sie ganz im wörtlichen Sinne: Sie schenken ihnen ihre eigentümliche Kultur, ihr Ethos und ihre Tradition.

Der Humanismus macht den Menschen zum Maß aller Dinge, doch das ist er nicht. Sein Maß findet der Mensch im Göttlichen. Das Göttliche übersteigt den Menschen unendlich und verleiht ihm seinen unbeugsamen Willen, seine Würde und seine Unsterblichkeit. Das Göttliche im Menschen gibt dem Leben und Sterben ultimativen Sinn  (“Viva la muerte – es lebe der Tod!”, war der Wahlspruch der Falangisten im Spanischen Bürgerkrieg). In faschistischen Bewegungen ersetzen nicht selten neuheidnische Vorstellungen  christliche Religiosität  und Moral.

Die Demokratie wird radikal abgelehnt, denn sie stellt die Ordnung der Welt auf den Kopf. Sie verneint Führung, Autorität, Hierarchie und Verantwortung. Sie bringt eine bloß schwächliche, hedonistische Ethik hervor, die den Menschen zum Lusttier erniedrigt, statt ihn auf die Höhe der Helden und Heiligen zu heben. Dem Bedürfnis des Menschen, am Ewigen teilzuhaben, wird diese Ethik nicht gerecht.

Diese kurzen Hinweise mögen genügen, um die These Sternhells zu untermauern, wonach „ein richtiges Verständnis des Faschismus erfordert, daß man ihn zunächst und vor allem als kulturelles Phänomen begreift“ (312).                                                                                     Doch damit dieses kulturelle Phänomen „Faschismus“ als politische Massenbewegung wirksam wurde, mußte zuerst einmal der konkurrierende Marxismus und Sozialismus einer „nichtmaterialistischen Revision“ unterzogen werden. Das gelang umso leichter, als die Unwissenschaftlichkeit des Marxismus, insbesondere seiner fundamentalen Mehrwertlehre, durch bürgerliche Ökonomen nachgewiesen wurde – hier werden von Sternhell u. a. die Arbeiten des  Österreichers E. v. Böhm-Bawerk hervorgehoben.          Vom Theoretischen  aber ganz abgesehen, war für jeden Beobachter der wirtschaftlichen Entwicklung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bereits augenscheinlich, daß die Voraussagen Marxens über die zunehmende Verelendung der Massen, die Polarisierung der Klassengegensätze sowie die Konzentration der Produktionsmittel in wenigen Händen nicht eingetreten waren.

Der Massenwohlstand hatte im 19. Jahrhundert zugenommen, die Klassen- und Interessengegensätze traten in sehr zersplitterter und differenzierter Form zutage, der Mittelstand gewann an Boden. Die eingeleitete Sozialgesetzgebung und Sozialversicherung vermittelten zunehmenden Schutz gegen Notfälle, Krankheit und Arbeitslosigkeit, die Kinderarbeit wurde zurückgedrängt, die Arbeitszeit begrenzt, die Feiertagsruhe geregelt. Von idyllischen Verhältnissen konnte zwar noch lange keine Rede sein, dennoch schien der Marxismus zu diesem Zeitpunkt bereits „falsifiziert“.

Die „nichtmaterialistische Revision des Marxismus“ war vor allem das Werk von Georges Sorel. Er hatte bereits um die Jahrhundertwende klar erkannt, daß das träge Arbeiterproletariat als revolutionäres Subjekt ausfiel. Die Arbeitermassen mußten geführt werden, als aktive Träger der Revolution kam nur eine Elite infrage, die es verstand, Gewalt und Generalstreik als Mittel der Gesellschaftsveränderung und -integration sinnvoll einzusetzen. Sorels „revolutionärer Syndikalismus“ lieferte dem italienischen Faschismus seine theoretische Begründung, das Buch Sorels „Über die Gewalt“ (1908) wurde zum Vademecum Benito Mussolinis.

Die notwendige Führung der Massen durch Eliten wurde durch die um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert vorgelegten Ergebnisse der Sozialwissenschaften eindrucksvoll bestätigt. Le Bons „Psychologie der Massen“, Vilfredo Paretos „Lehre von der Zirkulation der Eliten“ und die bahnbrechenden Untersuchungen der „Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ durch Robert Michels mit der Entdeckung des „ehernen Gesetzes der Oligarchisierung“ trugen ganz wesentlich zur Festigung des elitären Denkens im Faschismus bei. Eliten, so wurde es ganz allgemein erkannt, zeichnen sich durch adeliges Denken und Verhalten aus, sie verzichten zu Gunsten des Gemeinwesens auf persönliches Glück. Sie sind überzeugt von der Idee, daß der Einzelne geboren ist um der Gemeinschaft zu dienen und für nichtmaterielle Werte zu kämpfen.

Elitäre Eigenschaften und Überzeugungen finden sich in allen Schichten der Gesellschaft, denn was zählt, ist die geistige Verfassung und Ausrichtung, nicht die Stellung im Produktionsprozess. Der Faschismus bewies, „daß es eine Kultur geben konnte, die sich nicht auf Geburts- oder Geldprivilegien gründete, sondern auf Gemeinschaftsgeist…“ (315).                                                                                                                                                        Der Gemeinschaftsgeist des Faschismus fand seinen Ausdruck in der alle sozialen Spannungen und Gruppeninteressen überwölbenden Idee der Nation. Der Schlüssel für die gesellschaftliche Ordnung „lag nicht im Klassenkampf, sondern in der organischen Einheit der Nation“ (314). Der Nation zu dienen, „die eigenen Interessen mit jenen des Vaterlands zu identifizieren, sich im Kult an heroischen Werten mit anderen zu vereinigen, erlaubte eine stärkere und tiefere Teilnahme, als wenn man einen Wahlzettel in eine Urne warf“ (315).

Der Erste Weltkrieg bewies, welche Kräfte die nationale Idee zu entbinden vermochte, wie sehr die Massen für die Zwecke der Nation zu mobilisieren waren, welche heroischen Tugenden noch im einfachsten Menschen geweckt werden konnten und zu welch unsagbaren Opfern das ganze Volk bereit war. Die Kameradschaft im Krieg verband hoch und niedrig. Menschliche Würde war keine Frage des gesellschaftlichen Rangs mehr, sondern der Bewährung. Ehre und Treue  wurden gelebt und erhielten durch das Leben Inhalt. In der gelungenen Synthese von nationaler und sozialer Idee ist der Grund für die Faszination des Faschismus zu suchen. Das größte Verbrechen Hitlers und seines Nationalsozialismus besteht wohl darin, diese positiven Kräfte zur Vernichtung nicht nur der Juden, sondern sogar des eigenen Volkes mißbraucht zu haben.

Garant für die Einheit der Nation sollte der Staat sein, geführt von der staatstragenden Elite, die durch Erziehung und Ausbildung auf ihr hohes Amt vorbereitet war, sich die zur Führung notwendige Autorität verschaffen konnte und sich im Kampf um die Durchsetzung der sozialen und nationalen Ziele des Faschismus zu bewähren hatte. Die in der Fortentwicklung des Syndikalismus aufgegriffene Organisationsform der Korporation ermöglichte den Aufbau des „organischen“ Staates, an dem alle Glieder der Gesellschaft tagaus tagein und nicht bloß an Wahltagen partizipieren konnten.

„Der Korporativismus stellte einen Eckpfeiler für ein Regime dar, dem es gelang, breiten Schichten der Bevölkerung das Gefühl zu vermitteln, daß sich das Leben geändert habe und sich ganz neue Möglichkeiten des Aufstiegs und der politischen Mitgestaltung boten, ohne daß es notwendig gewesen wäre, die sozioökonomischen Strukturen anzutasten“ (314). Ebendarin sieht Sternhell die unbestrittene Leistung des Faschismus, der sich für ihn als eine Revolution darstellt, „die das Beste aus dem Kapitalismus, der modernen technologischen Entwicklung und dem industriellen Fortschritt“ übernahm ohne „die Triebkraft der wirtschaftlichen Aktivität anzutasten (das Gewinnstreben), ohne ihr die Grundlage zu entziehen (das Privateigentum) oder ihre notwendige Organisationsform zu zerstören (die freie Marktwirtschaft)“ (18).

Hierin allerdings kann Zeev Sternhell wohl nur bedingt zugestimmt werden, erhielten doch Gewinnstreben, Privateigentum und Marktwirtschaft durch die soziale Verpflichtung, im Dienste des Gemeinwohls wirksam zu werden, eine Orientierung, die der liberal-kapitalistischen Wirtschaft weitgehend fremd war. Zumindest in der Theorie entsprach der Idee der Nation und der „organischen“ Gesellschaft die berufsständische oder „korporative“ Wirtschaft. Ihr regulatives Prinzip war nicht die Konkurrenz, sondern die gemeinwohldienliche, „sozialpartnerschaftliche“ Zusammenarbeit der Unternehmer und der Arbeiter, der Unternehmerverbände und Gewerkschaften, der nationalen Wirtschaft und des Staates. Die organische, „geschlossene“ Gesellschaft verlangte als wirtschaftliches Pendant den autarken oder „geschlossenen Handelsstaat“, der, wie J. G. Fichte gezeigt hat, allein imstande war, das „Recht auf Arbeit“ zu sichern.

Wirtschaftliche Fragen, darin ist Sternhell sicher beizupflichten, standen im Faschismus allerdings nicht im Vordergrund des Interesses, „denn wirklich wesentlich am faschistischen Denken ist die Ablehnung des `Materialismus´“(21f). Dem Faschismus geht es um „eine neue Werteskala, eine neue Auffassung von Kultur“, verherrlicht werden von ihm „die Energie, die Dynamik, die Kraft, die Maschine und die Geschwindigkeit, die Instinkte und die Intuition, die Bewegung, der Wille der Jugend“. Gepredigt wird „die absolute Verachtung der alten bürgerlichen Ordnung“, gepriesen „die Notwendigkeit und der Glanz der Gewalt“ (20).                                                                                                           Darin finden sich die sorelianischen Präfaschisten mit dem Futurismus, der künstlerischen Avantgarde, lange vor dem ersten Weltkrieg zusammen. „Man versteht die Anziehungskraft, die diese Bewegung in der ganzen ersten Hälfte des 20. Jahrhundert auf weite Kreise der europäischen Intelligenz ausübte, wenn man in Betracht zieht, daß sie (die Intelligenz) darin den Ausdruck ihres eigenen Nonkonformismus und ihrer eigenen Auflehnung gegen die bürgerliche Dekadenz finden konnte und daß diese Ideologie nicht nur eine neue Auffassung der Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft brachte, sondern auch eine neue Vorstellung vom Schönen und Bewundernswerten“ (21).

Philosophisch bedeutete der Faschismus eine ganz klare Absage an das rationalistische, individualistische und utilitaristische Erbe der Aufklärung, die vollständige Ablehnung der von Hobbes bis Kant entwickelten Auffassung  vom Menschen und der Gesellschaft sowie der ”bürgerlichen” Revolutionen, für welche die Französische Revolution zum verhaßten Typus wurde.                                                                                                                                   Bei diesem Generalangriff auf die philosophischen und politischen Grundlagen der bürgerlichen Zivilisation, wurden nicht nur die Relevanz des (individualistischen) Naturrechts und die Gültigkeit gleicher und „unveräußerlicher“ Menschenrechte bestritten, sondern auch alle institutionellen Strukturen der liberalen Demokratie radikal abgelehnt und bekämpft. Genau wie heute, so wurde bereits vor rund hundert Jahren die „Demokratie als der Gott“ erkannt, „der keiner war“ (Hans-Hermann Hoppe: Democracy – The God That Failed, 5. Aufl., New Brunswick 2003; jetzt auch auf Deutsch).                       In der Schule Sorels wurde die liberale Sozialdemokratie, dieser stets kompromißbereite „süßliche und weichliche Sozialismus“, der mit „seiner demokratische Humanitätsduselei“ und dem widerlichen Pazifismus und Feminismus „im Parlamentarismus versumpft“, mit schneidenden Argumenten theoretisch verurteilt und schließlich vom Faschismus mit entschlossener Gewalt von der politischen Bühne gefegt.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gewann als später wichtigstes Element des Faschismus der „völkische“ Nationalismus an Bedeutung, wie er am klarsten in den Werken von Maurice Barrès, Edouard Drumont, Charles Maurras und der „Action française“ zum Ausdruck kam und die alte, von der Französischen Revolution geprägte Auffassung vom Gemeinwesen als Gesamtheit der Individuen ablöste. „Die Auffassung der Gesellschaft als geschlossenes, abgeschottetes Ganzes, ein virulenter Antirationalismus sowie der Primat des Unbewußten führten zu einer wahrhaft `völkischen´ Vorstellung von der Nation“ (24f).                                                                                                                                                  Ganz anders als für den jakobinischen Nationalismus war das Volk nach dieser „organischen“ Auffassung ein Körper, einem Lebewesen vergleichbar, das unabhängig vom Willen des Einzelnen sich behauptete. Dieser völkische Nationalismus mit der Betonung des Vorrangs der Gemeinschaft vor dem Einzelnen brachte eine neue Ethik oder Wertordnung hervor, in der „Disziplin, Autorität, gesellschaftliche Solidarität, Pflichtgefühl, Opferbereitschaft und Heldentum als notwendige Voraussetzungen für das Überleben des Landes“ ihren verdienten Stellenwert erhielten. (vgl. 27). Die Hindernisse, die der faschistischen Gesellschaftsveränderung im Wege standen, verlangten heroische Kräfte, und es erscheint heute bemerkenswert, daß kein Geringerer als Sigmund Freud den Duce als „Helden der Kultur“ feierte (315).

Um das Wohlergehen der Nation zu garantieren, waren die Urkräfte und Lebensgeister des Volkes zu aktivieren, „die nicht vom Gift des Rationalismus und Individualismus verseucht waren“ (25). „Zwangsläufig leugnete dieser neue Nationalismus die Evidenz jeder universalen und absoluten moralischen Norm: Wahrheit, Gerechtigkeit und Recht existierten nur, um die Bedürfnisse des Gemeinwesens zu befriedigen und die Nation voranzubringen. (24f). Von solchen Gedanken geprägt, kam am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich die Synthese von Nationalismus und Sozialismus zustande, und „Barrès gehört (1898) zu den ersten politischen Denkern in Europa (wenn er nicht überhaupt der allererste war), der den Begriff `nationalistischer Sozialismus´ verwandte“ (26).

Überblickt man den Aufbruch zur Neugestaltung der Gesellschaft, den der Faschismus in Europa bewirkte, dann wird man der These Sternhells wohl cum grano salis zustimmen können, der Faschismus sei die einzige adäquate Antwort auf die Probleme der Moderne, die der menschliche Geist bis heute gefunden habe. Blickt man tiefer, so lassen sich im Faschismus Züge entdecken, die in der „nichtmaterialistischen“ und also „idealistischen“ Staatslehre von der Antike bis in die Gegenwart ihre unvergängliche Gültigkeit behauptet haben.                                                                                                                                                   Das eigentliche Anliegen des Faschismus, die Synthese von nationaler und sozialer Idee, wird auch in Zukunft zur unverzichtbaren Aufgabe der Politik gehören. In Rußland, China, Israel und vielen asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern wird dies vielfach deutlicher gesehen als im sogenannten „Westen“. China, so berichtete Günter Zehm jüngst in seiner „Pankraz-Kolumne“ (JF, 1. März 2013) orientiere sich weit mehr am „Nationalen System der Politischen Ökonomie“ von Friedrich List als an Marx und Engels oder den hochgestochenen, mechanistisch-mathematischen Modellen der Makro- und Mikroökonomie. Dem “Westen” wird vorgeworfen, individualistische Gesellschaftsauffassung, “Globalisierung” und “Europäische Unionisierung” führten zur Auflösung der Nationen und zur Aufhebung jener notwendigen Grenzen, auf denen die Vielfalt der Kultur und Wohlstand in Europa beruhte.

Im Faschismus, wie er in Literatur und Geschichte des 20. Jahrhundert Gestalt gewann, wurden die unvergänglichen und immer gültigen Züge der idealistischen Staatsidee allerdings teilweise überlagert von der Verherrlichung der Gewalt, des Krieges, des Herostratentums, der Zerstörungswut, der Raserei und des futuristischen Wahns. Dadurch reihte sich der Faschismus samt seiner „kulturellen Revolution” in das Gesamt der Häresien ein, welche genauso wie die mit ihm konkurrierenden Ideologien des Liberalismus, Anarchismus, Demokratismus, Kommunismus, National- und International-Sozialismus durch den „Verlust der Mitte“ (Hans Sedlmayr) und des Maßes den Zerfall der Gesellschaft  nur beschleunigten.                                                                                                   Heute wird langsam begriffen, dass die Bemühungen zur Überwindung der sich abzeichnenden oder bereits wirksam gewordenen krisenhaften Verhältnisse in Europa ohne „Rückkehr zur den Ursprüngen der Politischen Philosophie“ (Christian Machek, 2012) vergebens sein werden. Immer ist es der Geist, der den Körper baut, auch jenen der Gesellschaft und des corpus politicum.

Zitate und Seitenangaben aus: Zeev Sternhell/Mario Sznajder/Maia Asheri: Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburger Edition, Hamburg 1999. Der Titel des vorstehenden Artikels „Das Janusgesicht des Faschismus“ entstammt einer Arbeit von Sekt. Chef Elmar Walter, einem Freund, der am 17. Januar 2013 verstorben ist.

*Der Autor ist Dozent für Theoretische Volkswirtschaftslehre und Politik. Seine letzten Publikationen: Die Rechte der Nation (2002), Der Sinn der Geschichte (2011), ESM-Verfassungsputsch in Europa (2012).

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2 Antworten zu Das Janusgesicht des Faschismus

  1. Helene schreibt:

    Was die „Vorfahren im März 1938 bewegt hat“, hat die Vorfahren auch schon 1919 bewegt, weil nach der Zurechtstutzung der riesigen Monarchie auf ein winziges Land natürlich jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch den „Anschluß“ an das große Deutschland gesucht hat. Was leider heute nicht gesagt wird, war, daß es ab 1918 die Sozialdemokraten waren, die mit großem persönlichen Einsatz lange Zeit für den „Anschluß“ an Deutschland gekämpft haben. Aber vergeblich, weil das die Alliierten nicht wollten und zu verhindern wußten. Deshalb durfte auch fortan Deutsch-Österreich nur mehr Österreich genannt werden.
    Das mit der „Janusköpfigkeit“ trifft zu, da Hitler von denselben Leuten finanziert und für einen Krieg aufgerüstet wurde, die später als „Befreier“ gekommen sind. Man kann eben alles finanzieren, wie man in der Geschichte oft gesehen hat. In der Politik ist selten etwas so gewesen, wie es nachher dargestellt wurde. Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg ein bitterarmes Land und hätte sich niemals einen Krieg leisten können. Nur die USA konnten Hitler und Stalin (auch Rußland war damals bitterarm) in wenigen Jahren soweit aufrüsten (mit Flugzeugen und allem, was man sonst so für einen Krieg eben braucht), daß sie gegeneinander Krieg führen konnten. Das kann man sich so vorstellen wie den Krieg Irak-Iran, wo auch beide Länder von denselben westlichen Ländern mit Waffen beliefert wurden. Wenn sich zwei streiten, freut sich ja dann der dritte… So wird von den USA schon seit langem Politik gemacht, und in den USA wird rein gar nichts dem Zufall überlassen.
    Zur Finanzierung Hitlers durch die „Wall Street“ gab es schon in den 30er Jahren mehrere Berichte, weil sich natürlich viele Menschen Gedanken darüber machten: „Wer finanziert eigentlich Hitler?“
    Der Film „Endgame“, der vom Verein normale.at vor einigen Jahren bei einem Festival in Wien präsentiert wurde, zeigt ebenfalls die Einflüsse der USA auf Hitler und den „Nationalsozialismus“: nicht nur finanziell, sondern auch in bezug auf die Eugenik und Euthanasie, die schon Ende des 19. Jhs. (damals gegen Schwarze, Arme, Kranke) in den USA Mode wurden. Amerikanische Wissenschaftler brachten Eugenik als „letzten Schrei“ nach Deutschland. Sie wird auch heute noch in den USA ausgeübt. Z.B. wird in Fernsehsendungen gesagt, daß bei den Versuchen mit Pflegekindern ein hoher Prozentsatz der Kinder stirbt. Aber das sei ganz normal, weil diese Kinder von ihren Eltern sowieso ein schlechtes Erbgut mitbekommen hätten. In den USA ist eben alles erlaubt, was woanders verboten ist.

  2. Helene schreibt:

    Für den „Anschluß“ an Deutschland kämpften ab 1918 die Sozialdemokraten. Das wird leider heute verschwiegen! Was „die Vorfahren 1938 bewegte“, hat sie also auch schon 1918 und 1919 bewegt. Die Alliierten haben das damals aber verhindert.

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