Die Freiheitlichen in der Zwickmühle

Egon Friedell*, jener geniale, unter tragischen Umständen ums Leben gekommene „Dilettant“, der  das deutsch-österreichische Kulturleben der Zwischenkriegszeit zu bereichern wußte, wären zum personifizierten blauen Dilemma wahrscheinlich folgende Worte eingefallen: Seine (Straches)  Tragödie ist die Tragödie seiner überschätzten Intelligenz, die scheitern muß, wenn sie versucht, sich zum Alleinherrscher aufzuschwingen.                                                                                                                                    Als  kein hochdifferenzierter Gehirnmensch, aber konsequenter Vertreter der genialen Ichsucht, scheint der ehemalige Jünger  Haiders weniger seinen gesunden Instinkt als vielmehr das jeweilige Tagesangebot an Ratschlägen diverser „Freunde“ zu bevorzugen und, wie die meisten Politiker, auf Zuruf der Medien zu reagieren.

Über die Ursachen der aktuellen Wahlniederlagen Straches ist genug geschrieben worden, zur Person selbst wird zu einem späteren Zeitpunkt gewiß noch Erhellendes, auch Ergötzliches nachgeliefert werden können. Dennoch soll hier schon eine nicht zu ignorierende Verhaltensauffälligkeit angesprochen werden, die, unter Umständen, sehr wesentlich noch zu einem größeren Scheitern beitragen könnte. Ich meine das bereits angesprochene, leicht überdimensionierte Ego des Parteiobmannes .                                       In der Tat kommt in dessen Reden und Wortmeldungen ein Wort besonders oft vor: Ich. Zu oft, wie mir scheint, und nicht selten mehr als unangebracht. So hieß es vor gut zwei Monaten von Straches Seite: „Ich will stärkste Kraft werden“ (Standard, 27.12.2012). Das sagt doch einiges aus.

Bei einem anderen österreichischen Politiker hieß es einmal nicht weniger aufschlußreich „Ohne Partei bin ich nichts“. Strache aber darf  so interpretiert werden: „Ohne mich ist die Partei nichts“. Lautete  das nicht schon bei Haider so ähnlich? Wenn man schon wieder so weit ist, was dürfen wir bei  intellektuell niedrigerem Standard an der Spitze als zu Jörgls Zeiten da noch erwarten?                                                                                                                   Dies auch angesichts der Tatsache, daß „Bumsti“ Straches einflußreicher Berater und Redenschreiber, Herbert Kickl, in ähnlicher Funktion bei Haider tätig war. Wo der gewiß intelligente Chefberater allerdings war, als Strache zuletzt ausgesprochen tollpatschig gegen zwei Landesorganisationen vorgegangen ist,  ist mir nicht bekannt.

Nun ist trotz Einigkeitsbeteuerungen der Parteigranden „Insidern“  aber klar, daß nicht nur Straches Standfestigkeit in herausragenden  Situationen ein Unsicherheitsfaktor  ist, sondern, daß die Partei weiterhin auch ein politisch-strategisches Problem hat, das Kennern der Szene stets bewußt war. Ein Problem, das, auch auf die Person Strache bezogen, in die einfache Frage mündet: Wohin soll ich mich wenden?                                 Und zwar ist die gewisse Frage ideologischer Natur. In Gesprächen mit Vertretern dieser Partei habe ich stets auf den Zeitpunkt X hingewiesen, zu dem dieses Problem akut werden würde. Aber Kritik, und sei sie noch so berechtigt,  ist heute so unerwünscht wie zu Haiders Zeiten.

Und doch besteht kein Zweifel: Die Partei, schon unter Haider, hat es einfach nicht geschafft hat, eine überzeugende und glaubwürdige neue nationale Politik als revolutionäre Alternative zu dem herrschenden politischen und weltanschaulichen „Mainstream“ ins Treffen zu führen. Obwohl Haider in früheren Jahren die damaligen nationalrevolutionären „Umtriebe“ zur Kenntnis genommen hatte.  Aber dabei blieb es.                                                Zu einem großen Teil lag also der  ideologische und daher auch politisch-strategische Defizit wohl darin, daß  materielle Absicherung einzelner Funktionäre und Mandatare  sowie Selbstinszenierung des Obmannes stets Priorität zu haben schienen. Ist es heute anders?

Nun ist es ja durchaus legitim, wenn eine Partei an die Macht strebt, gar Alleinherrschaft ausüben möchte. Aber welches ideologische oder geistig-kulturelle Fundament legitimiert sie dazu, und hat sie die dazu fachlich wie moralisch befähigten Frauen und Männer in genügend großer Anzahl, vor allem aber einen Vordermann, der verschiedene Lager und Interessen zu bündeln und auf ein großes Ziel auszurichten und die Mehrheit der Wähler zu begeistern weiß?                                                                                                                             Ich bezweifle, daß dies unter dem talentierten und fleißigen Vielredner Strache erreicht werden kann, aber auch nicht unter einem anderen, wenn, wie gesagt, nicht auch über systemverändernde gesellschaftspolitische Ziele überzeugende Einigkeit herrscht und das dazu nötige geistige und moralische Rüstzeug vorhanden ist.

*Egon Friedell (1878-1938) wurde in Wien geboren, studierte Germanistik und Philosophie und wurde auf Grund seiner Arbeit über Novalis zum Dr.phil. promoviert. Fridell war Schriftsteller, Philologe, Schauspieler und Kabarettist. 1932 erschien seine vielbeachtete „Kulturgeschichte der Neuzeit“, am 16. März 1938 wählte der  Bewunderer deutscher Kultur und Verehrer ihrer großen Geister den Freitod.

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3 Antworten zu Die Freiheitlichen in der Zwickmühle

  1. aon schreibt:

    Bravo, guter Radarblick auly

  2. werner kohl schreibt:

    Eine ausgezeichnete Analyse – vielen Dank!

    Ich erlaube mir, meine ungefragt und ungebeten – beizusteuern:

    Ohne Herrn Kickl ist die FPÖ und erst recht Herr Strache führungslos. Ein weiteres Problem: Herr Kinkl kann nicht überall gleichzeitig sein – und schön langsam bekomme ich das Gefühl, dass er auf eine resignative Phase zusteuert, denn das was sich Herr Strache mangels ausgeprägtem IQ an Sagern leistet ist schon irreparabel. Daher ist die Vision von Kanzler-Anspruch im Nestroy´schen Sinn eine Schimäre. Aber wen „unterhalts“ eigentlich (noch)?

    Ein weitere Frage: Ist „National“ heute überhaupt gefragt? Von Mehrheitsfähigkeit keine Spur! Aus meiner Sicht nur mehr noch ein kulturhistorisches Thema ohne jedwelcher Relevanz auf das Heute, geschweige denn demokratiepolitisch zukunftsgeeignet.

    Das soll niemanden, dem diese Einstellung wichtig ist, veranlassen, sich davon zu verabschieden. Aber zukunftsträchtig ist sie meiner Meinung nicht!

  3. heinz schreibt:

    Bezüglich Ihres heutigen Beitrags erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Kickl mit H.C.Strache bei B.Rosenkranz in St.Pölten war!

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