Der verlorene Maßstab

In einem Gespräch mit dem Österreichischen Rundfunk, in dem der bekannte Architekt und Karikaturist („Ironimus“) Gustav Peichl in sehr lobenswerter Weise die Ikone tschechischer Polit-Ultras, Edvard Benes, einen Verbrecher nannte, wurde verständlicherweise der Stadtplanung breiten Raum gegeben.                                                    Aber auch da nahm sich der gebürtige Wiener kein Blatt vor den Mund. In Anspielung auf einige fertiggestellte bzw. in Bau befindliche Objekte, etwa „Wien-Mitte“, warf Peichl den dafür Verantwortlichen vor, wie viele andere außerhalb des Maßstabes zu planen und zu bauen.

Ein weiterer „Monsterbau“ (Wiener Bezirksblatt) soll indes bald an anderer Stelle entstehen (an den Wiener Eislaufverein angrenzend). Und es wird nicht der letzte dieser Art sein. Das was man früher ein gelungenes Ensemble nannte wird heute anscheinend nicht mehr angestrebt, mehr denn je ignoriert oder auch schon zerstört.                               Nicht mehr organisch soll es, technisch machbar und spekulationstauglich muß es sein. Entseelt manifestiert sich in so manchem Projekt jener Bruch zwischen Himmel und Erde wie er einst von Hölderlin beschrieben wurde.

In der Tat spielen Maß und Harmonie, übrigens nicht nur auf dem Gebiet der Stadtplanung, immer weniger eine Rolle, Wo der Maßstab fehlt, ist Maßlosigkeit in negativer Ausprägung die Folge.                                                                                             Anders die Lage in der Tier- und Pflanzenwelt und auch  im All, wo Übereinstimmung stattfindet. Nur der von Natur und Schöpfung entfremdete Mensch glaubt dem richtigen Verhältnis der Teile eines Ganzen ohne Folgen zuwiderhandeln zu können. Und gerade  auch in der Politik tritt das Ausmaß jeder Maßlosigkeit, Stichwort: Korruption, besonders deutlich zu Tage.

Leidenschaftliche Profitsteigerung und Narzißmus im Übermaß sind nicht selten die Motivationen dahinter, und ohne bauliche oder andere Trends in Bausch und Bogen abwerten zu wollen, wo werden denn  noch Normen und Traditionen oder das Wesen des Menschen berücksichtigende Projekte erdacht oder Werke ausgeführt? Solche scheinen wirklich schon Seltenheitswert zu haben und sind oft nur gegen den Widerstand des „Mainstreams“  durch- bzw. umzusetzen.

Lieber hofiert und engagiert man, zum Beispiel, eine sogenannte „Stararchitektin“, deren superteures Wiener Projekt vom Publikum zwar wenig geschätzt wird, die aber nun Studierenden fachliche Ezzes geben darf. Dafür kommt sie ein- bis zweimal in einem Semester aus der Ferne für wenige Stunden  nach Wien, bloß um Korrekturen an den Arbeiten ihrer Schüler vorzunehmen. Für eine Luxusgage natürlich, kolportiert werden 25.000.- Euro.

Hier soll gewiß nicht Kritik um der Kritik Willen geschehen. Ich denke aber, Kritik – sei es im Bereich der Kunst, des Kulturlebens oder dem der Politik – die keinen dem jeweiligen Zeitgeist oder einer bestimmten Epoche schuldenden, sondern einen über die Zeiten gültigen Maßstab anzulegen versucht, sollte angebracht und auch erlaubt sein.

Es geht nicht darum, gegen die Moderne zu sein, sich die Rückkehr des Vergangenen, sei es künstlerischer oder politischer Natur, zu wünschen.  Es geht aber angesichts des Kräfteverfalls unserer rationalistischen Kultur darum, eben diese moderne Welt zu retten, in der das Leben wieder „in seiner ganzen Tiefe und Breite“ (Broch) sinngebend erfasst und ermöglicht werden sollte.

Vielleicht sollten wir uns doch wieder bewußt werden, daß  „alle menschlichen Gesetze  sich „von dem einen „göttlichen“  (Heraklit) Naturgesetz  nähren, das zugleich der Maßstab in unserem Denken und Handeln sein sollte. So verstanden darf, wie auch Hölderlin meint, der menschliche Geist  durchaus maßlos sein.

Wenn nun doch noch  einmal alles in den richtigen Verhältnissen zueinander kommen sollte, dann, und nur dann wird  in diesem Europa wieder Großes vollbracht und eine mit den wahren Bedürfnissen der  Menschen  übereinstimmende Politik erwartet werden können.

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