Zur Frage der Demokratie im Islam

Die  Linien des Islam und der Demokratie fielen nach Meinung vieler islamkritischer Europäer nicht zusammen. Zumindest scheint die vom Westen eingeleitete und unterstützte Einmischungs- oder Experimentalpolitik Marke „arabischer Frühling“ gescheitert.                                                                                                                                       Diesen Schluß könnte man aus den derzeitigen Vorgängen in der arabischen Welt ziehen. Ist es so, und wenn ja, warum? Ohne Kenntnis der arabischen Kulturen, fällt eine Antwort darauf nicht gerade leicht. Was im Kopf eines Europäers ersonnen wird, muß im Herzen eines arabischen Muslims nicht eben auf fruchtbaren Boden fallen.

Ohne Zweifel ist die Demokratie eine große Herausforderung für die zum Teil rückständigen politischen Systeme in der islamischen Welt insgesamt, aber auch für deren verschiedene, über lange Zeit isolierte Kulturen, in denen Analphabetismus und Armut noch immer weit verbreitet sind. Dies gilt besonders für einige arabische Länder, in denen eine rationale Kritik der Tabus und Dogmen gar schon lebensgefährlich ist. Oder wo das Wort Demokratie lange Zeit vermieden wurde bzw. noch wird.

Als großes Hindernis für eine demokratische Entwicklung im Islam sehen dessen Kritiker das Fehlen einer Aufklärung nach europäischem Vorbild.  Dabei wird übersehen, daß lange vor der europäischen Aufklärung schon so etwas Ähnliches im Islam existierte, genauer gesagt in al Andaluz, im heutigen Spanien.                                                                             Damals verteidigte ein Ibn Ruschd die Philosophie gegen die Herrschaftsansprüche der Theologen und zeigte auf, daß Vernunft und Glauben keine unüberwindlichen Gegensätze sein müssen. Daß viele islamische Denker im Gefängnis oder in der Verbannung landeten, erinnert an das spätere Schicksal christlicher Ketzer.

Der Niedergang des Islam hat mehrere Gründe, die eigentlich bekannt sein sollten. Auf Sieg und Aufstieg  des Abendlandes, das von der erwähnten islamischen „Aufklärung“ profitierte, folgten  Zwistigkeiten, Machtkämpfe und Unterdrückung innerhalb des Islam, zuletzt auch die Kolonialisierung Nordafrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens. Letztere und schließlich die Gründung des Zionistenstaates  haben allerdings wieder mehr Bewegung in eine vielen Westlern bis dahin verschlossene Welt gebracht.

Warum nicht auch gleich die westliche Demokratie? Da ist nun einmal die Erkenntnis, daß man ein solches Gesellschaftsmodell nicht einfach von einer Kultur in eine andere übertragen kann. Die Vorteile eines demokratischen Systems haben überdies verhältnismäßig noch wenige Muslime erfahren.                                                                        Aber dann ist noch der Umstand, daß die in den vornehmlich arabischen Ländern herrschenden Familien, Clans oder Regime sich einzementiert haben bzw. hatten und über die ihnen zur Verfügung stehenden  Medien und Apparate die Demokratie – zwecks Machterhalt –  der breiten Masse als unislamisch eintrichtern konnten.

Erschwerend kommt nun neuerdings hinzu, daß immer mehr Muslimen bewußt  wurde, daß die Demokratisierungsbestrebungen von ausländischen, meist westlichen Organisationen unterwandert und gefördert wurden. Dadurch hat der „arabische Frühling“ sowohl an Glaubwürdigkeit wie auch an Rechtmäßigkeit verloren.                                         Da aber doch weiter der Wunsch nach einer Veränderung herrscht, war damit der Weg frei für islamistische Strömungen, die anders als die wenigen  „demokratischen“ Gruppen, bereits über feste Strukturen und Organisations-bzw. auch Mobilisierungsmöglichkeiten verfügten.

Jetzt wüßten die Befürworter einer Demokratisierung zwar wie man seine demokratischen Träume auf friedlichem Wege verwirklichen könnte, doch mittlerweile stehen diese Gesellschaften eben bereits vielfach unter Kontrolle der  strengen Gottesmänner, die alles daran setzen werden, um ihre Macht zu festigen.                                                                   Beinahe sieht es so aus, als müßte die Mehrheit der Muslime neuerlich eine Diktatur oder auch nur jahrelanges Chaos  in Kauf nehmen, ehe ihnen die Demokratie, ihre Demokratie, hart erkämpft in den Schoß fällt. Von der westlichen, der Dekadenz anheimgefallenen Demokratie mögen sie aber dann hoffentlich verschont bleiben.

Eine demokratisierte arabische Welt könnte andererseits auch einen Anreiz für das Gros der in Europa eingewanderten Muslime bieten, in ihre alte Heimat zurückzukehren und an ihrem Fortschritt mitzuwirken. Daran aber scheinen zurzeit weder die sich erst etablierenden islamistischen Kräfte in der arabischen Welt noch die herrschenden, beharrenden alten in Europa ein Interesse zu haben.                                                                   Die einen hätten, neben der Aufgabe eines aus ihrer Sicht bereits eroberten Territoriums, die massive Einschleppung des „westlichen Virus“ zu befürchten, die anderen den Abzug politisch wie ökonomisch äußerst nutzbarer Geister.

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3 Antworten zu Zur Frage der Demokratie im Islam

  1. werner kohl schreibt:

    Seien wir doch bitte ehrlich:

    erfahren wir nicht täglich die Unzulänglichkeiten unserer Demokratien?

    Ist wirklich nur jene Meinung richtig, die von 50 % plus einer Stimme der Bevölkerung getragen wird?

    Was zählt, ist Aufklärung – in allen Fächern, interkonfessionell und für jeden Deppen verständlich.

    Habe vor wenigen Tagen aus profundem Mund erfahren, dass in unserer, indirekt so nachahmenswerten Demokratie das naturwissenschaftliche Wissen in unseren Schulen vor die Hunde geht, weil wir

    a) für unsere schnelllebige Zeit mit einem enormen Wissensangebot immer weniger Stunden für Wissensaufbringung aufwenden
    b) immer weniger Lehrerinnen und Lehrer besitzen, die Chemie und Physik unterrichten
    c) dabei noch immer viel zu viele Lehrerinnen und Lehrer besitzen, die unpädagogisch Chemie und Physik unterrichten und aus den einfachsten Zusammenhängen eine Geheimwissenschaft machen, nur um interessant dazustehen?
    d) Ich traf mit einem Mittelschul-Chemieprofessor zusammen, der ob seiner Unterrichtsversuche hoch geehrt wurde. Nur wenn man ihn fragte, in welcher Industrie seine Versuche praktische Anwendung finden, wusste er darauf keine Antwort (und seine Hörerschaft erst recht nicht.).

    Wenn Sie das tröstet: wir verblöden, ob mit Islam oder ohne Demokratie …….

    Wir haben vom wirklichen „Leben“ in und um uns kaum Ahnung – aber dafür jede Menge!

  2. Al Sim schreibt:

    Theologie und Demokratie sind schwerlich unter einen Hut zu bringen. Insbesondere, wenn es sich um eine Religion handelt die wenig oder keine Akzeptanz anderer Religionen hat oder so ausgelegt wird. Letztlich geht es ja auch nicht um die religion, sondern um den Herrschafts- und Machtanspruch verschiedener Gruppierungen innerhalb einer gesellschaft denen die religiösität nur Mittel zum Zweck ist, um den eigenen Einfluss zu stärken oder zu vervielfachen. Am Ende wird man wieder sehen, dass die Patriarchen wieder auf den Sessel sitzen, kluge reden schwingen und Menschenmassen aufhetzen die sich im Namen von wer weiss wem gegenseitig an die Kehle springen. In der Zwischenzeit wurden und werden alle die auch nur halbwegs ihre Sinne beisammen haben und kritik artikulieren vom Mob gelyncht. Siehe auch als eines der Beispiele von maximalem Deppentum Hypatia von Alexandria.
    Gruß
    Al

  3. Paul Rittler schreibt:

    Die Verfassung des Iran ist lesenswert, jedenfalls im wirtschaftlichen Teil.

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