Unmenschlich und kriminell

Die Frankfurter Allgemeine berichtete unlängst über das Elend einer Familie im indischen Bundesstaat Andhra Pradesch. Um über die Runden zu kommen, lieh sich Tochter Ega Mounika von einer Bank 10.000 Rupien (166 Euro). Damit kaufte sie sich eine Nähmaschine, um vormittags die Kleider der Nachbarfrauen zu flicken, nachmittags studierte sie.                                                                                                                                      Doch alsbald konnte die Familie die Zinsen nicht mehr zurückzahlen und mußte einen weiteren Kredit aufnehmen, plötzlich saß man mit einem Monatseinkommen von 4.500 Rupien auf vier Krediten (insgesamt 80.000 Rupien).                                                                 Da boten Geldverleiher noch einen Überbrückungskredit über 5.000 Rupien zu 120%  Zinsen an. Am Ende schlugen diese Zinseszinsgauner vor, die Tochter an ein Bordell zu verkaufen, da verbrannte sich die Zwanzigjährige lieber. Typisch nur für Indien? Verbrennungen vielleicht, Selbstmorde aus ähnlichen Gründen aber nicht.

In großer Armut lebende, von Kredithaien bedrängte Familien gibt es auch in Europa zuhauf. So sind seit Einführung der Arbeitsmarktreform 2004 Selbstmorde wegen unerträglicher Schuldenlast oder aus reiner Geldnot längst auch ein deutsches Phänomen. Bereits 2005, also am Anfang von Hartz-IV, hat sich u. a. ein damals 54-jähriger Familienvater in Höxter deshalb das Leben genommen. Unzählige, man spricht von Tausenden, sollen es ihm seither nachgemacht haben, denn Geldverleiher spaßen auch in deutschen Landen nicht.                                                                                                                     Es ist auch der Politik und den Wirtschaftsführern  bekannt, daß zu geringes Einkommen, eben auch Hartz-IV,  krank und depressiv machen kann, was dann nicht selten zum Selbstmord führt. Doch schert das die Gagenkaiser in Politik und Wirtschaft? Ehe ergötzen sich diese an den Darbietungen junger Mädchen, die unter falschen Versprechungen und Androhungen in einschlägigen Lokalen gelandet sind. Die meisten aus Osteuropa und Afrika.

Inzwischen sind es Abertausende in dieser famosen Europäischen Union die aus Existenzängsten am Rande der Verzweiflung sind. Oder gestresst, weil, dem Diktat des Freien Marktes folgend, sie unglaubliche Härten auf sich nehmen müssen. Denn dieser allmächtige, gnadenlose Markt benötigt billige und jederzeit abruf- und reisebereite Arbeitskräfte, am liebsten ohne Kündigungsschutz.                                                                   Dieser allgegenwärtige Markt ist es, aus dem die heutigen Alpträume kommen. Und eben auch Gespielinnen für gestresste Manager und Politiker liefert.

Ausbeutung und Menschenhandel sind  nicht  ausschließlich typisch für einige exotische Länder, sondern sind ebenso herausragende Merkmale der so lautstark gepriesenen westlichen Wertegemeinschaft, in der man glaubt, mit schönen Worten und gelegentlichen Spendenaufrufen sein elitäres Gutmenschentum hervorheben zu müssen. Am Gros der Hilfsbedürftigen  gehen solche oberflächlichen PR-Aktionen ohnehin vorbei. Auch an den real existierenden Frauen Margareta B. und Ilona S.

Margareta kommt aus Breslau und  ist derzeit als Putzfrau in Wien beschäftigt. Stundenlohn acht Euro. Damit sie sich etwas ersparen kann, arbeitet sie von 7 Uhr früh bis am späten Abend. Nicht angemeldet, wie anzunehmen ist. Daß sie horizontal mehr verdienen könnte, hat man ihr schon geflüstert.                                                                             Ihr Mann ist Buslenker in Frankfurt am Main, der Bub blieb in Polen. So stellt sich Brüssel bzw. der Freie Markt zeitgemäßes Familienleben und Sittlichkeit vor.

Ilona lebt in Budapest und schlägt sich mit Schneiderarbeiten so recht und schlecht durch. Manchmal reicht es nicht einmal für ein ausreichendes Mittagessen, auch nicht mehr für die horrenden Zinsen ihres Wohnungs-Kredites. Womit ein Teufelskreis beginnt. Und bald schon täglich klopft der Wucherer an die Tür. Was dann?                                               Währenddessen fährt Ilonas Mann regelmäßig für eine holländische Firma einen Schwertransporter für einen kümmerlichen Lohn von Holland nach Sibirien und zurück. Die letzten zwei Monate hat er allerdings kein Geld gesehen, und Ilona ihren Mann auch nicht. Interessiert das ein Schwein hinter den prächtigen Kulissen?

Dieses System, im Süden wie im Norden, im Westen wie im Osten, ist unmenschlich und kriminell und begünstigt lediglich eine wohlhabende, abgehobene Schicht der Bevölkerung, zu der nicht wenige Politiker zu zählen sind, die natürlich kein Rezept dagegen haben (wollen/dürfen?).                                                                                                                           Wie eine Krake hat dieses System seine Arme über den Globus ausgestreckt, läßt den Völkern kaum Luft zu atmen, treibt sie in noch größere Abhängigkeiten und weitere Kriege, wirft jeden Aufstand erbarmungslos nieder, bestraft jede freiheitliche Regung. Dieses gefräßige Ungeheuer, das anonym scheint, aber einen Namen hat, kann links wie rechts auf willfährige Helfer und nützliche Idioten zählen. Auch diese sind namentlich bekannt, brauchen aber ebenfalls nicht hier extra aufgezählt zu werden, da sie sich ohnehin zu gewissen Zeiten, spätestens in einer Krise oder nach einer Wahl, selbst entlarven. Und hoffentlich einmal zur Rechenschaft gezogen werden.

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9 Antworten zu Unmenschlich und kriminell

  1. Pauly schreibt:

    Inzwischen kocht die Volkswut…
    ob sich unsere heutigen Gauner werden retten können,
    wo alles digital nachforschbar ist?

  2. Pingback: Unmenschlich und kriminell « Sache des Volkes

  3. Sehr richtig erkannt und geschrieben. Die EU will nur funktionierende Produzenten und Konsumenten und nennt diese dann einheitlich EU-Bürger. Die Ostregime waren nicht anders, siehe DDR-Bürger, etc….

  4. Pingback: Unmenschlich und kriminell « Der Honigmann sagt…

  5. anonym123 schreibt:

    Danke an den Blogger für diese interessante und humanistische Sichtweise. Das beschriebene Ungeheuer heißt übrigens Turbokapitalismus bzw. Neoliberalismus. Im Königshoferschen Kommentar liegt allerdings ein Fehler.
    Er sagt: „Die EU will nur funktionierende Produzenten und Konsumenten und nennt diese dann einheitlich EU-Bürger. Die Ostregime waren nicht anders, siehe DDR-Bürger, etc…“
    Das Ostsystem wollte KEINE funktionierenden Konsumenten, denn die Produktion bzw. die Mangelwirtschaft gaben das Angebot vor, dem Konsumenten blieb nur „take it or leave it“. Ob angesichts planwirtschaftlicher Mangelwirtschaft von angestrebten funktionierenden Produzenten gesprochen werden kann, ist ebenfalls nicht eindeutig.
    Das Wirtschaftsmodell des ehemals real existierenden Sozialismus ging von der Notwendigkeit der Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmittel in Gesellschafsteigentum aus. (Überbau von Marx/Engels etc) Es beruhte auf der Überzeugung, dass die blinden Gesetze des allzufreien Marktes die Ursache für gesellschaftliche und ökonomische Fehlentwicklungen seien und dies nur durch Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung selbst zu überwinden sei. Hauptmittel dazu war der Plan. Planwirtschaft ist a priori nichts Absonderliches, auch dei deutsche Kriegswirtschaft beider Weltkriege war dermassen organisiert.
    Wie wir wissen, ist das kommunistische Experiment mit Pauken und Trompeten gescheitert. Es gab zwar beachtlicher Erfolge der DDR-Ökonomie (und nur die ist aus bekannten Gründen für unsere Überlegungen relevant), die sich etwa 1988 in einer BIP-Leistung per Kopf von € 8114 widerspiegeln, man lag damit klar vor den kapitalistischen Nationen Spanien, Porugal oder Griechenland, weltweit war man damit auf Rang 16. Und dennoch: Der Markt kann, wie sich gezeigt hat, nicht ersetzt werden durch gesamtvolkswirtschaftliche Planung unter Prämisse des Staatseigentums. Die sich auf Grund des Artikels stellende Frage kann daher auch nicht lauten „wie schaffen wir den Kapitalismus und die Härten seines Systems ab?“, sondern : „Wieviel Vergesellschaftung ist verträglich, damit der marktwirtschaftliche Regulationsmechanismus wirksam bleibt?“ Das Familiensilber wie Verkehrsinfrastruktur, Post, Tabak, Gesundheitswesen sollte so in jedem Fall unantastbar sein. Die Erweiterung dieser Begriffreihe um Energie, Bankwesen und Bildung halte ich persönlich ebenfalls für wünschenswert.

    • petra s. schreibt:

      lieber anonym123, auch kein schlechter kommentar. nur deine verwendeten anglizismen stören. dazu, weil du dich ja scheinbar mit den theorethikern auskennst, folgende preisfrage:

      „Wir wollen heimjagen, woher sie gekommen sind, alle die verrückten, ausländischen Gebräuche und Moden, alle die überflüssigen Fremdwörter.“

      mögliche antworten:
      a – karl marx
      b – karl moik
      c – karl may
      d – karl lagerfeld
      e – keine ahnung

      gruß petra

    • Marwin schreibt:

      Hallo anonym123, doch, es gibt machbare Alternativen zur Marktwirtschaft z. B. Parecon http://zmag.de/artikel/parecon-und-anarchosyndikalismus (am besten das entsprechende Buch lesen) und die Peer-Ökonomie (massenhaft Material unter http://peerconomy.org/wiki/Deutsch).
      Das Problem einer Marktwirtschaft ist u.a., dass der Mensch zur Ware wird und dass die Menschen miteinander konkurrieren müssen, wobei es immer Gewinner und Verlierer gibt. Beides lehnen die erwähnten Alternativen zurecht ab.

      • Marwin schreibt:

        Zusatz: Und verwechseln Sie bitte nicht den Stalinismus, der im damaligen Ostblock existierte, mit dem Kommunismus, wie ihn Marx und Engels als durch und durch humane Vision formulierten.

  6. Husar schreibt:

    Das größte Problem ist, das produzierendes Gewerbe in Europa durch Abwanderung von Betrieben, Konzernen eine Fülle von arbeitswilligen Menschen geschaffen hat, die plötzlich keine Arbeit mehr bekommen, also alles annehmen müssen, auch wenn es unter aller Menschenwürde bezahlt wird. Mein Nachbar ist ein begnadeter Monteur, er arbeitet für einen Hungerlohn bei Flextronics. 300 € im Monat ist ein Hohn. Vor 2 Wochen rief mich ein Bekannter aus Deutschland an, er brauche dringend 2 bis 3 Gas, Wasser, Heizungsmonteure und eine komplette Truppe Dachdecker. Warum gibt es in Deutschland nicht genügend ausgebildete Leute, die Kulturbereicherer wollen augenscheinlich nicht arbeiten. Also arbeiten in naher Zukunft ein paar mehr Ungarn in Deutschland. Ein Trauerspiel, wenn man in seiner Heimat nicht mehr Arbeit findet um seine Familie zu ernähren. Folgen der sogenannten hochgelobten Globalisierung.

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