Gedanken zu aller Seelen Zeit

Ein wertvoller Mensch, ein guter Freund, ein hochintelligenter Zeitgenosse liegt leider im Sterben. Zu früh, wie ich meine. Haben die Ärzte alles Menschenmögliche getan?  Wir, seine Freunde, werden  ihn  jedenfalls sehr vermissen.                                                            Mit der Zeit  lernt man aber das Unvermeidliche zu akzeptieren. Das war bei mir nicht immer so. Als ich einst, noch minderjährig, der  Familie des Straßenräumers in unserer kleinen Gemeinde die Nachricht überbringen sollte, der Familienvater*  liege im Sterben, versuchte  ich der  Krankenschwester, die mich unterrichtet hatte,  mit Einwänden wie „Das ist doch nicht möglich, es muß doch ein Heilmittel geben… Haben Sie alles versucht?“ wenigstens ein „Wir warten jetzt noch auf ein Wunder“  abzuringen. Vergeblich, was mich zutiefst irritierte und zugleich bestürzte. Galten doch Ärzte damals noch als halbe Götter.

Nicht immer wird man vom Tod im Bett ereilt, und oft wird er durch äußere Gewalt herbeigeführt. In Kriegen etwa. Aber wer, welche Regierung gedenkt heute im Besonderen jener Gefangenen der deutschen Wehrmacht, die man in den weiten Rußlands oder in US-Gewahrsam auf den Rheinwiesen zu Hundertausenden erbarmungslos verrecken ließ?                                                                                                                                                       Von ähnlich moralischer Gewichtung:  Wo wird der Toten Würde mißachtet, wo ein Ehrengrab eines abgestürzten Kampfpiloten, der seine Heimat vor feindlichen Bombern zu schützen versuchte, aberkannt? Nicht in Rußland, auch nicht in den USA, aber in Österreich, von Gesinnungslumpen!

Man muß es wiederholen: Es zeichnet nicht nur den Einzelnen, sondern auch ein ganzes Volk aus, wie es mit seinen Toten, Zivilisten wie Soldaten, umgeht, wie man ihrer gedenkt. Berlin und Wien könnten sich da von ehemaligen, von Kriegsverbrechen auch nicht ganz freien Siegermächten, aber auch vom besiegten, aufrecht gebliebenen Japan einiges abpausen.

Aber stellt sich die Frage des Totengedenkens nicht auch im Falle von abgetriebenen Ungeborenen?  In den USA, wo der Wildwuchs der modernen Frauenemanzipation besondere Blüten zeitigte,  sollen in den letzen knapp vierzig Jahren mehr als 50 Millionen Ungeborene abgetrieben worden sein.                                                                                  Millionen angeblich auch in den derzeit aussterbenden deutschen Landen. Von Ermordeten sprechen Lebensrechtsbewegungen. Gibt es irgendwo in dieser famosen Europäischen Union einen Tag, wo man offiziell auch dieser Toten gedenkt?

Besonders im Zusammenhang mit dem Kriegstoten-Gedenken stellt sich mir die Frage, ob der ausbleibende  Kindersegen  in unseren Breitengraden nicht doch mit dem Bruch sowohl eines tradierten kollektiven Geschichtsbewußtseins wie auch eines ebensolchen Totengedenkens einhergeht oder diesen gar zugrundeliegt?                                                    Es gibt ja bald nichts mehr, wo unsere Gesellschaft geistig wie seelisch anknüpfen  könnte.  Müßte sich dann nicht alles was von ihr großspurig erstrebt wurde,  dereinst als ein riesiges schwarzes Loch erweisen?

* Ein Enkel des Verstorbenen ist übrigens heute Chefredakteur einer großen österreichischen Tageszeitung.

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Eine Antwort zu Gedanken zu aller Seelen Zeit

  1. Promi schreibt:

    Wie soll es auch anders sein? Eine Gesellschaft , die einen Totentanz aufführt und es selbst nicht weiß, hat nichts anderes verdient.

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