Islamische Renaissance?

Bis vor kurzem noch galten die arabischen Gesellschaften als unfähig aus ihrer gesellschaftspolitischen Lethargie auszubrechen. Gewiß, es gab in der Vergangenheit Unruhen in einigen Ländern, die wurden aber blutig niedergeschlagen. Was aber jetzt in Tunesien und Ägypten aufgebrochen ist, kann als unumkehrbare Massenerhebung bezeichnet werden. Revolutionen sind es keine, dazu fehlen noch mehrheitsfähige ideologische Konzepte und große Führer. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.                                                                                                                                               Wovon vorerst gesprochen werden kann ist von einem Aufstand gegen ein korruptes System, das da und dort einem besseren hoffentlich weichen wird müssen. Aber welchem? Ohne Zweifel wird der Islam in Zukunft in einem solchen eine größere Rolle als bisher spielen. Welcher Islam?  Die Wahrnehmung diesbezüglich ist ja im Westen eher oberflächlich. Wir können mögliche Alternativen schon einmal an einigen Personen festmachen.                                                                                                                                       In Tunesien dürfte der aus dem Londoner Exil heimgekehrte Rached Ghanouchi eine führende Rolle im Hintergrzund einnehmen. Er, der sich vorerst zurückhält, stand einmal den Moslembrüdern sehr nahe. In der Zwischenzeit hat er Gefallen am türkischen Modell gefunden.                                                                                                                                               In Ägypten sind ohne Zweifel die Moslembrüder mit ihrem obersten Führer Mohammed Badie die treibende islamistische Kraft, sie machen sich aber erst einmal im Sozialbereich verdient. Das Politische muß aus taktischen Gründen noch warten, doch lassen einige ihrer Denker bereits mit ihrer Rede von einer demokratischen Gesinnung des Islam aufhorchen. Was in ihrer von Negativbildern dominierten  Islamschau statisch verharrende Westler für unmöglich halten.                                                                                                               Nennenswerte Persönlichkeiten wären noch der Sudanese Al Tourabi, ein Moslembruder, und Ali Benhadj, einflußreicher  Führer der algerischen Islamisten, rigoroser Salafist und Mitbegründer der Heilsfront. Er versucht aus dem Arrest heraus die Massen immer wieder zu mobilisieren, wie zuletzt im Jänner.                                                                       Anderswo, in Marokko, Lybien, Jordanien oder Yemen gärt es unterschiedlich stark zwar auch, doch sitzen dort die Regime noch halbwegs fest im Sattel. Was sich aber blitzartig ändern könnte, sollten  unerträgliche soziale Spannungen entstehen bzw. zunehmen.

Noch scheint es zu früh eine Prognose darüber abzugeben, ob aus diesen  arabischen Volksaufständen sich mehr als nur ein neues arabisches Selbstbewußtsein und ein gewißer islamistischer Einfluß ergeben wird. Also, ob sich der Islam früher oder später als maßgeblich  gestaltende gesellschaftspolitische Kraft erweisen wird  und in welcher Form und Ausprägung.                                                                                                                              Werden othodoxe  Gelehrte die Linie vorgeben oder eher (vielleicht dem Sufismus nahestehende) Modernisten, ist eine der Fragen, die man sich stellen muß. Diskutiert wird: Soll der Islam vorrangig  religiösen und sozial-ethischen Anspruch erheben, und  rechtliche und staatspolitische Agenden eher zweitrangig beachten?  Nicht zuletzt hängen solche Fragen vom jeweiligen Kultur- und Bildungsniveau einer Bevölkerung ab. Schon von daher wird der Grad der Entwicklung in Tunesien, wo zudem eine dynamische, moderne Wirtschaft funktioniert, ein etwas anderer sein als in Ägypten.                                          Dennoch könnte das bevölkerungsreichste arabische Land zu einem Vorreiter eines zeitgemäßeren, vorerst „arabischen“ Islam werden, wenn die reformerischen Kräfte in der Moslembruderschaft sich durchsetzen sollten und es gelänge, eine für die Bevölkerungsmehrheit sozial und ökonomisch erträgliche Lage zu schaffen. Könnte so ein Modell auf  die übrige arabische Welt ausstrahlen, käme eine Renaissance des Islam unter Umständen in Reichweite. Nicht ohne Auswirkungen auf Israel und das konkurrierende schiitische Modell im Iran. Nicht zuletzt auch auf das Christentum in nichtislamischen Ländern. Eine spannende Sache jedenfalls.                                                                                Wie auch immer, es wird eine jüngere Generation sein, die in diesen islamischen Staaten einmal  den Ton angeben wird. Eine Generation, die vorerst noch hin- und hergerissen ist zwischen westlicher Lebensart und weitestgehender gesellschaftlicher und individueller Freiheit einerseits und der Hinwendung zur eigenen Tradition und zum Glauben ihrer Väter andererseits, die aber ihren eigenen Weg finden und gehen wird.                                     Wenn es stimmt, daß auch junge Intellektuelle der Moslembruderschaft der türkische Weg  à la Erdogan fasziniert, dann kann zumindest ungefähr erahnt werden, wohin sich die  ägyptische und andere islamische Gesellschaften entwickeln könnten. Mit entsprechenden Folgen auch für ein niedergehendes Europa, dem, abgesehen vom Schönwettergefasel auf Regierungsebene, außer Beschwörung des Abendlandes und eher kontraproduktiven  antiislamischen Kampagnen dazu wenig Geistreiches einzufallen scheint.

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10 Antworten zu Islamische Renaissance?

  1. Pingback: Islamische Renaissance? « Detlef Nolde

  2. Detlef Nolde schreibt:

    Guter, wichtiger Beitrag, der zur differenzierten Sichtweise beiträgt.

  3. Sozrev schreibt:

    Hat nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun.

    Nolde macht für pro-amerikanische Kräfte Werbung:
    http://detlefnolde.wordpress.com/2010/08/13/mina-ahadi-fuer-menschenrechte/

  4. Detlef Nolde schreibt:

    Das hat insofern etwas mit dem Thema zu tun, insofern Danke für Deinen Einwurf, als daß Steinigungen und Verstümmelungen für islamische Reformkräfte tatsächlich abgeschafft gehören. An einer Initiative gegen derartige Praktiken unter dem Vorsitz eines Mitglieds des Politbüros und ZKs der Arbeiterkommunistischen Partei Irans, die eine „Proklamation der dritten Kraft gegen den US-Staatsmilitarismus und den islamischen Terrorismus“ veröffentlich hat, kann ich erst einmal nichts verwerflich „pro-amerikanisches“ erkennen.

  5. helmut mueller schreibt:

    Frau Ahadi ist nicht sehr überzeugend. Was sie zu Integration, Religion und Koran zu sagen hat hält, schlicht gesagt, keiner genaueren Überprüfung stand.

    • Detlef Nolde schreibt:

      Ihr Einsatz gegen Steinigungen und andere islamisch begründete Verbrechen, und darum geht es zuvorderst, gefällt Dir also nicht? Du bist also für all das, irgendwann auch bei uns? Ich bin auf Deine Antwort gespannt.

      http://detlefnolde.wordpress.com/2010/08/23/hundert-staedte-gegen-steinigung/

      • helmut mueller schreibt:

        Ich möchte präszisieren: 1.) Bei Aufnahme von Migranten ist selbstverständlich auf Herkunft und Kultur zu achten. 2.) Daß Menschen ohne Religion besser leben, ist nirgendwo bewiesen. 3.) Zu behaupten, nur drei Prozent des Koran wären reformtauglich ist Frau Ahadis Meinung. Entweder ist er Gottes Wort, dann ist er zu 100% nicht reformierbar, ist er nicht göttlich, dann sicher mehr als drei Prozent. Aber nichts spricht gegen eine zeitgemäße Auslegung, ohne daß an einer Sure etwas geändert wird. Nicht was wörtlich dann drinnen steht, sondern wie es in der Zeit verstanden und gelebt wird, ist entscheidend. Steinigungen und dgl. werden, wie die Hexenverbrennungen, einmal der Vergangenheit angehören.

  6. Detlef Nolde schreibt:

    Was haben Steinigungen und Genitalverstümmelungen mit „Religion“ zu tun? Und, damit derlei irgendwann der Vergangenheit angehört, auch in der momentan „islamisch“ genannten Welt, sind Aufklärer und Kämpfer dagegen wichtig, denn von alleine passiert das nicht. Dabei ist es irrelevant, ob diese sich vollends vom Islam abgewendet haben oder, wie die Nur-Koranler, auf den außerkoranischen (jüdischen) Ursprung der genannten verbrecherischen Praktiken hinweisen und erklären, wahrer Reformislam muß sich davon energisch lossagen. Einen entsprechend reformierten Islam also einerseits gut zu finden und andererseits jenen in den Rücken zu fallen, die, auch durch ihre Fundamentalkritik, dazu beitragen, ergibt keinen Sinn. Und dann noch puren Sadismus und Verstümmelungswahn als „Religion“ verkaufen …

    • helmut mueller schreibt:

      Sehr richtig, Steinigungen und Genitalverstümmelunbgen sollten nichts mit Religion zu tun haben. Diese Praktiken gab es ja bereits vor dem Islam. Nichts gegen Fundamentalkritik, wenn diese sachlich, überlegt und ohne Zurufe von draußen geschieht, ansonsten erreicht man als „nützlicher Idiot“ längerfristig eher das Gegenteil von dem, was man eigentlich wollte. Daß heißt, die Islamisten bekämpft, den status quo aber zementiert. Ich weiß, das ist alles sehr kompliziert, aber dann muß man halt genauer dahinter- und vorausschauen.

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