Ein freiheitliches Problem

Mit unseren Eliten sieht es, wie bereits  einmal festgestellt, schlecht aus. Besonders  in der Politik fehlt es an  redlichen intellektuellen Persönlichkeiten. Bei den Freiheitlichen, die behaupten, es besser machen zu können als die anderen politischen Mitbewerber ,  ist überhaupt ein allgemeiner Mangel an Geistesarbeitern festzustellen.  Was sich bisher noch nicht als tragisch erwies, da der Beweis des Besser-Könnens noch nicht erbracht werden mußte. Nun möchten sie aber nach den nächsten Wahlen Regierungsverantwortung übernehmen, und da fragen sich natürlich viele,  ob das bei  einem offensichtlichen Intellektuellen-Mangel nicht als  Fiaskao enden könnte.                                                         Vor  bald zwei Jahren  schrieb ich dazu etwas und muß nun feststellen, daß sich seither wenig daran geändert haben dürfte. Eine diesbezügliche Einschätzung US-amerikanischer Diplomaten gibt mir da eigentlich nur recht.                                                                                Da die meisten Besucher meines Blogs diesen Beitrag nicht kennen dürften, bringe ich ihn nachstehend leicht aktualisiert:

Umdenken in Blau?

Burschenschafter seien die „intellektuelle Speerspitze des Rechtsextremismus“ will ein längere Zeit unter falschem Namen tätiger Exponent des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) herausgefunden haben. Über die Beschaffenheit des intellektuellen Niveaus der von ihm ausspionierten „Rechtsextremisten“ oder deren Wertschätzung der Intellektualität an sich sagt diese Beurteilung zunächst nichts aus und wäre wohl auch nicht ressentiment- und vorurteilsfrei. Von Bedeutung ist nun diese Einschätzung durch einen ideologischen Gegner mit marxistischem Stallgeruch aber insofern, als Mitglieder schlagender und weiterer Verbindungen immerhin in wichtigen freiheitlichen Parteigremien vertreten sind. Allerdings wird seit längerem selbst innerhalb der Partei Kritik laut, daß trotz massiver Akademiker-Präsenz, von wenigen Ausnahmen abgesehen, das intellektuelle Niveau in wichtigen Parteigremien noch zu wünschen übrig lasse und mit einem Defizit auf diesem Gebiet auf Dauer kein Staat zu machen sei.

Ein frühsommerlicher Kommentar des Dritten Nationalratspräsidenten in einer den Freiheitlichen nahestehenden Wochenzeitung darf nun ebenfalls als kritische Anmerkung in diese Richtung verstanden werden. So schrieb Martin Graf u.a.: „Um unsere Werte wieder salonfähig zu machen und als Grundlage unserer Gesellschaft zu erhalten, müssen wir unsere Gemeinschaft breiter aufstellen. Wir brauchen vor allem auch Lehrer, Journalisten,. Künstler und Philosophen, die sich für unsere Ideale einsetzen und einen Umdenkprozeß  verstärken“. Damit sollen gewiß sowohl akademisch Gebildete als auch Intellektuelle unterschiedlichen Bildungsgrades angesprochen werden. In Anbetracht des Umstandes aber, daß Jahre nach Haider der theoretische Selbstfindungsprozeß  bei den Freiheitlichen unter Zuhilfenahme jüdisch-christlicher und heidnischer Versatzstücke und Symbole sich immer noch zu spießen scheint, nicht ein verständlicher Wunsch des Nationalratspräsidenten?

Grafs Ansinnen – ob „Stellenangebot“   und/oder Wink mit dem Zaunpfahl – werden bei  vielen seiner Parteikameraden dennoch Zustimmung gefunden haben, werfen aber bei genauerem Hinsehen mehr Fragen auf als hier beantwortet werden können. Horten die Freiheitlichen vielleicht irgendwo einen geistigen Schatz, der den plötzlich umworbenen intellektuellen Eliten des Landes bisher entgangen sein sollte? Was hätte denn die blaue Führung plötzlich Loderndes zu bieten? Welche tatsächlich vorgelebten, nicht bloß propagierten Werte, welche erstrebenswerten, das Materielle überschreitenden Ideale? Welche kühnen Gedankenflüge? Und überhaupt: Welcher Typ eines Intellektuellen wird da herbeigewünscht: der eher selten anzutreffende, nach Erkenntnis strebende, unabhängige Geistesmensch in der Rolle des Objektiven oder ein zu tagesopportuner Gesinnung leigender, leidenschaftlich im politischen und sonstigen Geschäft engagierter Theoretiker  bereits bekannten Zuschnitts?

Eines wohl  vorweg: über den Parteiwolken frei schwebende Querdenker mit autonomen weltanschaulichen Wurzeln waren zumindest bisher für etablierte Parteien beinahe untragbar, jedenfalls meist unerwünscht, und bis jetzt ist es noch nicht wirklich abschätzbar, daß solche es, in Zeiten wie diesen, sehr viel  leichter hätten. Vor allem bei den Freiheitlichen.  Seit der Hochzeit des Attersee-Kreises in den siebziger Jahren scheint ja, neben einer gewissen auch anderen  Parteien innewohnenden Selbstkritikunfähigkeit, die praktizierte Intellektuellenscheu bei vielen Blauen noch weit verbreitet zu sein.

In dem Bestreben nun, neue kluge Köpfe, vielleicht auch wissende Überläufer, zu gewinnen, darf angenommen werden, daß auf höherer Parteiebene über Art und Inhalt der von Graf erwünschten „Verbreiterung“ inzwischen Übereinstimmung herrscht. Ein solcher „Umdenkprozeß“ sollte also ohne Scheu eben auch den schöpferisch-kritischen und unabhängigen Denker als Adressaten benennen. Müßte aber dann nicht schon von Anfang an ein von teilweise selbstauferlegter geschichtlicher Last befreiter grundlegender Wandel eines vielleicht reformbedürftigen Partei- und Politikverständnisses ins Auge gefasst werden? Oder die Durchforstung eines in die Jahre gekommenen Begriffsinstrumentariums  schon in den ersten Überlegungen in Angriff genommen werden, ehe derzeit geschwächte ideologische Gegner wieder richtig Tritt fassen?

Vereinzelt wird doch parteiintern längst beklagt , daß man sich gelegentlich immer noch Argumente vom politischen Gegner diktieren  lassen müsse, zu oft bloß plakativ oder provokativ reagiere statt souveräner gestaltend zu wirken, also konsequenter vom Gesichtspunkt des Nationalen sich ergebende gesellschafts- und europapolitische Alternativen öffentlich zur Diskussion zu stellen. Was ein gewisses intellektuelles Potential und einen gut geschulten prinzipientreuen Kader voraussetzt. Wahlerfolge, Umfragen und Momentaufnahmen des Stammtisches könnten sonst, so wird befürchtet, zu so manchen Funktionärs-Illusionen oder zu politischem  Leichtsinn verführen.

Wie auch immer, ohne genügend wegweisende intellektuelle und moralische Autoritäten unterläge man tagesaktuell gestimmt (oder zeitgeistig verführt) immer wieder der Versuchung, noch mehr Breite statt Tiefe anzustreben. Wegen der derzeitigen Schwäche der Konkurrenten auf dem politischen Felde besteht eben zusätzlich die Gefahr, Sirenengesängen des Augenblicks nachzugeben und Fehleinschätzungen zu erliegen. So könnte sehr leicht die durch Augenblicksfrust bedingte Zustimmung an der Wahlurne voreilig als harte Währung genommen, hingegen aber die tiefere Sehnsucht Jugendlicher  (die massiv Blau wählen) nach moralischer Autorität und bergender Zuwendung als eher leichte Münze gehandelt werden.

So gesehen scheint Martin Grafs Vorstoß zur rechten Zeit zu kommen, vorausgesetzt, er führt zu mehr als nur Kopfnicken und Alibihandlungen. Zugegeben, das Dilemma in dem sich die Freiheitlichen (und nicht nur sie) befinden, ist aus mehreren Gründen, die hier nicht erörtert werden sollen, kompliziert. Wenn es ihnen aber gelingen sollte, aus der Rolle der bloßen Reaktion herauszutreten und den ausgelaugten Theorien und Sonntagsplaudereien ihrer politischen Mitbewerber eine gesellschafts- und  volkstumspolitische  Vision für das 21. Jahrhundert gegenüberzustellen sowie einen kritischen Diskurs in der  Partei zu tolerieren, dann könnten die von Graf gesuchten Geister vielleicht doch noch bei den Freiheitlichen ihre weltanschauliche Unterkunft finden.

Kein leichtes  Unterfangen, gewiß, doch ohne geistigen wie auch moralischen revolutionären Kraftakt könnte die derzeit einzige ernst zu nehmende Oppositionspartei freilich sehr bald das Schicksal der Sozialisten, jetzt Sozialdemokraten, erleiden: Ein abgewirtschaftetes System, das man zu beseitigen anstrebte, am Ende aus Opportunität verinnerlicht und ihm durch bloß kritische Zurufe und tatkräftige parlamentarische Mithilfe über die Runden geholfen zu haben. Wahrlich kein Grund einmal  in Geschichtsbüchern eine besondere Würdigung zu erfahren.

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2 Antworten zu Ein freiheitliches Problem

  1. Paul Fischer schreibt:

    Zwei Wahrheiten: die FPÖ wäre die einzige Koalitionsalternative, aber es fehlt ihr an Expertise und Intellektualität. Die Zukunft liegt ohnehin nicht in den Parteien, sondern in einer netzartigen Struktur von engagierten Menschen und Gruppen. Ein Hotspot wäre da der Wiener Akademikerbund. Mit Franz Fiedler, Christian Zeitz und Eva Barki werken schon drei „papabile“ Persönlichkeiten im Vorstand. Und Redakteur Paul Fischer arbeitet an der Vision einer neuen Art von Demokratie, die man zu recht eine „Dritte Republik“ nennen könnte. Jörg Haider war 1987 davon sehr angetan. Aber er ist zum falschen Zeitpunkt damit vorgeprescht und mit veränderten Inhalten.

  2. karl malden schreibt:

    Den Freiheitlichen fehlt es auch an moralischen Autoritäten im Führungsgremium. Was da sich tummelt ist fern jeder Akzeptanz. Man denkt dabei zurück an jene „kleine“ FP mit Politikern vom Format eines Zeilinger, Broesigke, Gredler, Kandutsch und auch Scrinzi. Man brauchte und konnte mit deren politischen Aussagen nicht immer konform gehen, um sie dennoch ihrer Haltung und Bildung wegen zu schätzen. Unter ihnen hatte diese kleine Oppositionspartei politisch mehr Gewicht als unter dem gescheiterten Zahntechniker Strache, der am Ende nur ausführendes Organ obskurer Kreise sein wird. Ihn braucht dieses Saystem nicht zu fürchten, er ist bereits Teil dieses Systems.

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