Gehören unsere Politiker entmündigt?

Wann immer ich einen Politiker in eine Kamera lächeln sehe, und das unerträglich oft, muß ich an den altösterreichischen Schriftsteller Joseph Wechsberg denken, der gegenüber Menschen, besonders Politikern, die ständig lächelnd unterwegs sind, ein gesundes Mißtrauen entwickelt hatte. Über Henry Kissinger, der ja, in der Tat, ein gewisses Grinsen als Markenzeichen vorweisen kann, hatte er wenig Gutes zu sagen. Auf diesen gemünzt, meinte der vor bald zwei Jahrzehnten verstorbene Wechsberg einmal im privaten Kreis, er halte Kissinger , da er ständig lächle, für einen dummen Menschen. Wenn es bloß nur immer das allein wäre, handeln doch Politiker, die lachen, wo es nichts zu lachen gibt, vielfach schon verantwortungslos. Man bedenke nur die oft erst später sichtbar werdenden nachhaltigen negativen Folgen ihres Handelns.                                                                        Wechsberg, der zuletzt aus Wien für den „New Yorker“ schrieb, hat da etwas angerührt, was auch mir schon des längeren im Kopf  herumging. Nämlich, wie ist es nur möglich, daß intelligent scheinende Politiker gleichzeitig sehr dumm, besonders aber äußerst dummer Handlungen fähig sein können? Wo sie (oder ihre Enkelkinder) unter Umständen doch auch Leidtragende ihrer eigenen Politik werden könnten. Ein sehr komplexes Problem, das weit in das Gebiet menschlichen Innenlebens hineinreicht.                                                       Sieht man genauer hinter die Fassade politischer Tätigkeiten, wird das Wissen um die Dummheit von Politikern erst richtig gefestigt. In gleichem Maße aber auch das schwindende Vertrauen in deren Kompetenz. Trotzdem gelingt es einigen unter ihnen immer wieder mit souverän scheinendem Lächeln und nichtssagenden Endlosphrasen ein frustriertes Publikum  zu unterhalten. Nicht nur in Amerika.                                                 Auch in den eher bescheidenen heimischen Politik-Gefilden kann man rund um die Uhr  dieses Phänomen eines, gelegentlich auch einstudierten, unpassenden Lächelns beobachten. Sogar nach Wahlniederlagen oder bei offenkundigen Verfehlungen und fahrlässigem Handeln. Nun soll Lachen zwar gesund sein, aber ob das auch bei eher ungesundem  Hintergrund geistiger und  moralischer Natur der Fall ist?

Wenn sich nun der eine oder andere heimische Politiker doch lieber im kleinen Kämmerlein in sein Fäustchen lacht als vor eingeschalteter Kamera, was  bringt dann aber andere (auch Ex-Politiker) in einer Zeit existenzieller Gefahren dazu, trotzdem unbekümmert und freudig lächelnd von oben herab über dies und das zu plaudern, statt mit dem angeblichen Souverän in einen ernsten Dialog zu treten? Haben sie etwa inzwischen eine Zauberformel gefunden, wie sie den Schaden, den sie verursacht haben, wieder gut machen und all den Mist, den sie angerichtet haben, wieder entsorgen können? Oder glaubt die eine oder andere Sternschnuppe am politischen Firmament den Universalschlüssel für eine gesicherte Zukunft  zu besitzen? Wenn ja, warum verstecken sie diese epochalen Kostbarkeiten dann vor uns?                                                                                                            Es sieht ganz danach aus, daß man nur mehr etwas vortäuschen, das dumme Volk beruhigen, bis zur nächsten Wahl auf die richtige Seite ziehen will. Was dann folgt ist die Verlängerung eines Theaterstücks namens Bankrott auf allen Linien. Ausgenommen in den Tresoren der Politiker.                                                                                                                        Was schließen wir daraus? Dieses zumindest: Wer als politisch Verantwortlicher oder Mitverantwortlicher dieses allgegenwärtigen politischen Treibens (mit bereits feststellbaren Langzeitschäden und wahrscheinlich verhängnisvollem Ausgang) noch immer fähig ist, bei jeder Gelegenheit vor seinen Wählern oder Anhängern in allgemeine Heiterkeit auszubrechen, müßte sich, in der Tat, längst die berechtigte Frage nach dem werten geistigen Befinden gefallen lassen. Verärgerte Zeitgenossen würden vielleicht sogar so weit gehen, eine Entmündigung von Politikern in den Raum zu stellen, wenn z. B. eine Regierung freudestrahlend mehr ausgibt als sie einnimmt oder wenn ein paar von Umfrageergebnissen berauschte  Konjunkturritter eine seltsame Jerusalemer Erklärung unterschreiben und dabei über das ganze Gesicht strahlen als hätten sie ein Ende der Ablasszahlungen erreicht.                                                                                                                   Aber weil es anscheinend gar so lustig ist, strahlen sie allem Menetekel zum Trotz frohgemut weiter, von Plakatwänden, aus Magazinen und aus dem Fernsehstudio, und sie präsentieren sich, „body“- oder sonstwie „gestylt“, stets lächelnd in Topform. Aber schon der in meiner Jugend von mir geschätzte englische Schriftsteller Somerset Maugham bemerkte ganz richtig, daß nur mittelmäßige Menschen stets in Hochform seien. Die aber, so füge ich hinzu, sogar ohne Kopf durch die Wand zu rennen versuchen.

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2 Antworten zu Gehören unsere Politiker entmündigt?

  1. Karl schreibt:

    Ich wüßte etwas Besseres.

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