Wir sollten vorbereitet sein

Am 27. Dezember des Jahres 1756 schrieb Friedrich der Große in einem Brief an den Grafen Algarotti in Bologna: „Alles, was wir in diesem Jahr getan haben, ist nur ein schwaches Vorspiel dessen, was sie im nächsten Jahre  erfahren werden“. Daran dachte ich, als ich zu Jahresende 2010 gefragt wurde, was ich denn von der Zukunft erwarte. Nun, ich bin kein Hellseher, daher hüte ich mich auf diesem Gebiet nicht zu selbstsicher aufzutreten, obwohl, wenn man sich umhört, ein weit verbreitetes Stimmungsbild zumindest eine gewisse Tendenz erkennen läßt. Von dieser ausgehend, ließen sich unter Umständen doch schon Voraussagen machen. Ob diese aber  genau so rosig oder eher rabenschwarz eintreffen, ist wieder eine andere Sache.                                                                 Gar  oft  aber  ist es nicht der erkennende Verstand allein, sondern ein gleichzeitig vorhandenes  Bauchgefühl,  das  hinweisend wirkt. Es war zum Jahresende 1959 als ich in Algier einem Legionär auf den Kopf zusagte, Algerien werde in zwei, drei  Jahren unabhängig sein. Entgeistert schaute mich dieser an und lachte über das ganze Gesicht. „Unmöglich!“, sein Kommentar, was immerhin der Mehrheitsmeinung unter den Europäern im Lande entsprach. Da er versetzt wurde, blieb es ihm erspart, mir die Kiste Bier, die  er dagegen gewettet hatte, zu spendieren.                                                            Genau so verdutzt, dabei milde, beinahe mitleidig lächelnd , sah mich ein durchaus sympathischer Wiener maoistischer Studentenführer zu Beginn  der Kampagne gegen das Kraftwerk Hainburg an, als ich, es muß 1983 gewesen sein, meinte, der Kommunismus werde spätestens in  zehn Jahren zusammenbrechen. Nein, so etwas sei  unmöglich, war seine Überzeugung. Er ist heute gut bürgerlich sesshaft und, wie ich höre,  dem Umweltschutzgedanken  in führender Position  erhalten  geblieben.                                           Nun möchte ich mit weiteren Beispielen nicht langweilen und frage daher:  Was können wir daraus lernen?  Dieses zumindest: daß Gewißheiten eine beschränkte Lebensdauer haben können und Vorhersagen selten, aber doch gelegentlich eintreffen.                                                                                                                                                                                                                           Was nun dieses neue  Jahr  betrifft, läßt sich dennoch einiges vorhersehen. Jedenfalls werden wir uns, zumindest in Österreich,  an Preissteigerungen, wachsende Schulden von Staat,  Ländern und Gemeinden, endlose Verwaltungsreformdebatten, verstopfte Bildungseinbahn, weitere Terrorgefahren und moralischem Bankrott der  politischen Klasse vermehrt zu gewöhnen haben. Aber wir werden es überleben.  Wie? Es wird schon nicht so arg werden, meint da der gelernte Wiener, der ungern über den Tellerrand blickt. Er irrt sich mit ziemlicher Sicherheit!                                                                                        Wirklich gefährlich könnte es tatsächlich schon in wenigen Jahren werden  Das ist, etwa im Hinblick auf EU-Murks und aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China, Indien und Brasilien oder eine gefährliche Kreditkarten- und Derivateblase, durchaus nicht nur in   ökonomischer  und währungspolitischer Hinsicht gemeint.                                                         Als, wenn auch kleiner, Teil des Westens haben ja auch wir dazu beigetragen,  in vielen Teilen der Welt nicht nur dankbare Gefühle zu erzeugen. Die von imperialistischer Politik heimgesuchten Völker haben ja auch ein Langzeitgedächtnis, und vieles, was wir schon verdrängt oder vergessen haben, schlummert dort, um erweckt zu werden. Und zu den Gedemütigten gehört nun einmal auch die islamische Völkerwelt. Was da herangereift ist, ist auf dem ach so segensreichen Mist des Westens gewachsen. Auch wenn in erster Linie US-amerikanische Interessen  und zionistischer Größenwahn  dafür verantwortlich zu machen sind, hat man andernorts nicht übersehen, daß wir  Europäer  willige Gehilfen waren und weiter sind.                                                                                                               Wenn der Chefredakteur der Presse, Michael Fleischhacker,  “religiös fundierte kulturelle Befürchtungen“ als ein wichtiges Thema der nächsten Jahre erkannt hat, so kann man dem Befund nur beipflichten. Auch wenn die ökonomische Frage vorerst  im Vordergrund steht, könnte sie bald von jener der Bewußtwerdung unseres besonderen Kultur und Identität überlagert werden.

Was kann überhaupt noch getan werden, um ein großen Konflikt wie ihn auch Huntington zu erkennen glaubte, noch zu verhindern? Eine, auch angesichts des  schwindenden Vertrauens in Politik, Demokratie und EU,  berechtigte Frage. Aber es  ist, das soll nicht vergessen werden,  vor allem auch ein psychologisches Problem, und es ist ein europäisches.  Doch gilt es vorerst am jeweiligen nationalen Schauplatz  Ordnung zu machen.                                                                                                                                            Schon wird (nicht nur) hierzulande der Ruf nach einer neuen Partei  laut. Aber getreu der Devise „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“ würde, nach den Vorstellungen einiger, es  ja doch wieder  nur eine Systempartei werden. Das aber könnten  immer mehr Bürger  als eine Bedrohung empfinden. Parteien als Sterbebegleiter für ein korruptes,  fremdbestimmtes System gibt es nämlich  schon zuhauf.  Also, nein Danke!                       Eine Partei, die das herrschende System überwinden und durch ein neues ersetzen möchte, müßte sich von allen anderen schon grundsätzlich unterscheiden, vor allem auch weltanschaulich und moralisch, und bereit sein, unter Umständen einen langen, entbehrungsreichen Marsch in Kauf zu nehmen. Und doch bereit sein, zur rechten Zeit am rechten Ort in Erscheinung treten zu können..                                                                              Ob sich aus den vielen Kleingruppierungen und zersplitterten politischen Denkzirkeln, Resten der Altparteien oder ganz abseits von all diesen  sich einmal etwas  ganz Neues  herausbilden kann, wird sich  zeigen. Daß dabei  altes Denken über Bord  geworfen werden müßte,  scheint unvermeidlich. Derzeit ist zwar nirgendwo etwa s Ähnliches zu erkennen, doch will das nichts Endgültiges heißen. Es liegt an der Zeit, solches heranreifen zu lassen.

Es wird also fähigen, aufrechten  Menschen obliegen, die Erneuerungschance rechtzeitig zu erkennen und wahrzunehmen.  Daß sich das politische Programm einer  Partei  neuen Zuschnitts in ökonomischen Fragen ebenso wesentlich von dem jeder anderen uns heute bekannten unterscheiden müßte, soll nicht unerwähnt bleiben.  Ein Programm, darin sich, zu dem gegebenen Zeitpunkt, gewiß nicht nur die Situation, das Gefühl und die Erwartungen  der  Menschen und die einer ganzen Nation, sondern auch die oft bitteren Erfahrungen der Vergangenheit widerspiegeln würden. Andererseits sollte  es doch auch Werte und Leitgedanken beinhalten, die über Generationen ihre Richtigkeit hatten und weiter behalten könnten und sollten.                                                                                          Ansätze für so ein Programm gibt es heute in vielen außerparlamentarischen Bewegungen   und Gruppierungen, links wie rechts, auch bei dem einen oder anderen einsichtsvollen  Altpolitiker, doch mangelnde Konsensbereitschaft und fehlende Einsicht in Zusammenhänge oder Borniertheit, persönliche Eitelkeit und auch Feigheit verhindern  in vielen Fällen  ein Zusammenführen sehr unterschiedlicher Kräfte auf ein gemeinsames Ziel  hin. Oder werden verhindert.
Wenn das so bleibt, wird sich eben außerhalb dieser kleinen  Parteien und Gruppen etwas Neues formieren und sich Kraft seiner Glaubwürdigkeit und seiner überzeugenden  Persönlichkeiten  eines Tages durchsetzen. Nicht ohne große persönliche Opfer und gewiß  nicht schon nächstes Jahr.  Man hüte sich aber, die heutige Lage mit jener der dreißiger Jahre zu verwechseln, und bedenke, daß ein Scheitern  wieder  raumfremde Mächte auf den Plan rufen würde.
Was wir, um gedanklich bei Friedrich II anzuknüpfen, zunächst  erleben  werden, wird nur  ein verlängertes  äußerst schwaches Vorspiel  dessen sein , was wir spätestens in zehn Jahren noch erfahren werden, und von dem die meisten noch nicht einmal eine blaße Ahnung haben.  Dies können wir getrost als Gewißheit annehmen, und diese sollte recht viele dazu anspornen, vorbereitend tätig zu werden.

 

 

 

 

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5 Antworten zu Wir sollten vorbereitet sein

  1. anonymus schreibt:

    Alles gut und richtig – d’accord! Aber bitte als Vorsatz 2011 nie wieder Huntington zitieren. Es ist wie über klassische Musik nachzudenken und sich dabei ständig auf das Urteil der Zillertaler Schurzenjäger zu berufen. Der Mann hat einen Glückstreffer gelandet, weil er ein Thema zur richtigen Zeit angesprochen hat. Sein Appell, den US-Präsidenten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu unterstützen zeigt aber, dass er dem Prototyp eines amerikanischen Intellektuellen entspricht: oberflächlich, seicht, pseudokritisch und kapitalismushörig.

    Mein Neujahrswunsch an den Blogschreiber wäre eine Aufdeckung der Hintergründe der zügellosen Hetze, welche seit Jahren vom Westen gegen Russland betrieben wird, etwa am aktuellen Beispiel des Schwerkriminellen Chodorkowski!

    Ansonsten, alles Gute im neuen Jahr für Sie und ihre Leser.

  2. gustavstrasser schreibt:

    Sei haben, lieber Freund Müller, wie so oft in vielen Dingen recht. Nur die Hellseherei überlassen sie lieber dem Nostradamus. Logisch, dass die Welt sich ändern wird, gemäß dem Motto, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist. Lassen wir den guten alten Friedrich, den strammen Preußen außer acht, und greifen wir zurück bis in die Antike, die Ägypter, die Griechen, die Römer, so erkennen wir, dass es durchaus so sein wird, dass kein Stein auf dem anderen bleibet. Nur: wir werden damit umzugehen und zu (über)leben lernen. Das ist sicher! Jeder auf seine Art und mit der Kraft positiven Denkens und dem kategorischen Imperativ im Rücken, wird’s so schlimm nicht werden.

    Herzlichst, Ihr
    Gustav Strasser

  3. Helmut Müller schreibt:

    Vorausschauen wird man ja noch dürfen. Außerdem war ich ohnehin sehr optimistisch, nämlich was den Zeitrahmen betrifft (siehe meinen nächsten Kommentar).

  4. Peter Weber schreibt:

    Ich bin optimistisch, schließlich ist es unsere Regierung auch. Ha, Ha!

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