Woran es heute auch mangelt

Eigentlich wäre die Budgetrede des österreichischen Finanzministers ein Thema. Das die wahren Fakten vertuschende Geschwätz aller und das seit langem fehlende Niveau im so genannten Hohen Haus brachten mich aber auf etwas ganz anderes, etwas, das viele unter uns  heute ganz allgemein vermissen und sich gelegentlich zurückwünschen: mehr Stil, mehr Haltung, mehr Niveau, mehr Rückgrat. Wofür eine Bemerkung eines deutschen  Dichters uns das passende Stichwort  liefert: So meinte Jean Paul, daß die Erinnerung das einzige Paradies sei, aus dem man nicht vertrieben werden könne.                                         Das stimmt nun insofern, da man im Normalfall automatisch das in Erinnerung ruft, was einen Freude, Glück oder Genugtuung bedeutete. Das Betrübliche, auch Schreckliche der Vergangenheit wird – zumindest in unserem Kulturkreis – eher, auch zum Selbstschutz, aus- und das Störende der Jetztzeit eingeblendet und  in ausschließliche Beziehung zur Schokoladenseite einer verflossenen Zeit gesetzt.                                                               Dennoch trifft es immer wieder zu, daß die daraus gewonnenen Erkenntnisse durchaus zutreffend sind. Und gar nicht so selten, stimmen junge Menschen, die das „Damals“ noch nicht erlebten, mit einen der Erlebnisgeneration überein. Vielleicht, weil sie vieles aus Erzählungen und Geschriebenem kennen, in entsprechender Umgebung aufgewachsen sind oder ganz einfach, geistig-seelisch so veranlagt, es nachempfinden können.

Wenn uns nun Dinge in den Sinn kommen, die zu Vergleichen anregen, dann sehr oft aus dem Umstand heraus, daß man schon länger oder gerade erst wieder mit einem unser Gesichtsfeld störendem Verhalten  oder einer Unsitte  konfrontiert wird. Dazu kann man, glaube ich, ohne viel Umschweife den Abbau des Respekts und das Fehlen jeglicher Manieren zählen. Der Großneffe des äthiopischen Königs, dem dazu etwas eingefallen ist, hat ja darüber nicht nur ein gescheites und unterhaltsames Buch geschrieben, sondern er selbst besticht im persönlichen Umgang durch niveauvolles Auftreten, Haltung  und Bildung. Ein Gespräch mit ihm ist ein erhabenes Vergnügen. Als Freund Deutschlands und Kenner seiner Bewohner zeichnet Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch („Manieren“/dtv) ein Sittenbild, das genau so auf Österreich anwendbar ist.                                                        Auch auf  jenen Personenkreis, der  eigentlich Vorbild sein sollte: „unsere“ Politiker. Wollte man auf der Stelle eine Persönlichkeit des politischen Lebens zitieren, die heutzutage durch Bildung (auch des Charakters) und niveauvolles Auftreten besticht, wer käme da einen in den Sinn? Mittelmäßigkeit und Großsprech ist die Norm!

Nun ist heute gewiß nicht alles schlecht, und Schreckliches gab es auch in früheren Zeiten. Aber das eine oder andere wünschte man sich doch zurück. Auch Takt, zum Beispiel. Oder Eleganz. Es war der mir sympathische Schauspieler Gregory Peck, der vor Jahren beklagte, daß davon heute nichts mehr zu spüren sei. Ihn kennenzulernen hatte ich nicht das Vergnügen, wohl aber seine eleganten Kollegen Mel Ferrer und James Mason.         Aber auch ganz einfache, bescheidene Leute meiner Umgebung verfügen noch über jene kostbaren Anlagen, die zu schätzen, eine Verpflichtung wäre. Tut man aber weitum nicht mehr in dem gewünschten Ausmaße. Eher wird oft das Gegenteil bevorzugt.                       In beinahe allen sozialen Schichten mangelt es mehr und mehr an Niveau, Herzensbildung, Haltung und Diskretion. Tugenden, die einst eine Hochkultur auszeichneten, sind aus der Öffentlichkeit beinahe verschwunden. Was früher privat war, wird heute ohne Rücksicht auf einen zumindest noch in Teilen existierenden  allgemein moralischen Konsens schonungslos und oft schon unappetitlich öffentlich ausgebreitet. Tabus gibt es nur mehr einige wenige, und das sind meist solche, deren Brechen das herrschende politische System in Frage stellen würde.

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2 Antworten zu Woran es heute auch mangelt

  1. gustavstrasser schreibt:

    Ein wunderbarer und gelungener Blog. Wie von Ihnen gewohnt, sind die Beiträge nicht nur und ausschließlich kritisch, sonder zeigen auch einen Weg in die Zukunft auf, den „unsere Gesellschaft“ beschreiten sollte – wenn sie nur wollte (Ich hasse den Konjunkiv – aber er scheint mir angebracht). Ein Jahr als Pressesprecher einer mir nahestehnden politíschen Partei und zwei Jahre als parlamentarischer Mitarbeiter einer aus der FPÖ entstandenen Partei haben mein Interesse an de Politik zwar nicht gemindert, aber nahezu gezwungen zum Partei-Agnostiker zu werden.
    Glück auf, Ihr
    G. Strasser

  2. Peter Frey schreibt:

    Bitte Herr Strasser! Verschonen Sie diesen Blog mit Abrissen Ihres politischen Werdegangs. Der Blog ist bewußt überparteilich gehalten, es geht nicht um Gruppierungen sondern Ideen. Vielleich für Ihresgleichen nicht nachvollziehbar, jedoch gewiss eine moderate Forderung.

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